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Diakonie – Wichern, Innere Mission und der Wohlfahrtsstaat

Johann Hinrich Wichern, Begründer der Inneren Mission
Diakonie als christlicher Grundvollzug

Diakonie (von griech. diakonia = Dienst) ist neben Verkündigung (martyria) und Gottesdienst (leiturgia) einer der drei Grundvollzüge der Kirche. Sie hat ihre biblischen Wurzeln in der jesuanischen Praxis (Heilungen, Speisungen, Hinwendung zu den Armen) und in der Apostelgeschichte (Apg 6: Einsetzung der sieben Diakone für die Witwenversorgung). Das matthäische Weltgericht (Mt 25,40) bringt die theologische Begründung auf den Punkt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

In der Alten Kirche organisierten Bischöfe die Armenversorgung; im Mittelalter trugen die Klöster, Hospitäler und Bruderschaften die soziale Last. Mit der Reformation wurde das System neu sortiert: Luther forderte 1523 in der Leisniger Kastenordnung, dass Gemeinden einen gemeinen Kasten zur Armenpflege einrichten. Doch erst die soziale Krise des 19. Jahrhunderts brachte die institutionelle Diakonie hervor.

Johann Hinrich Wichern (1808–1881)

Johann Hinrich Wichern, Sohn eines Hamburger Notariatsschreibers, gründete 1833 in einem alten Bauernhaus vor den Toren Hamburgs das Rauhe Haus: ein Heim für verwahrloste Straßenkinder. Statt sie in eine Anstalt zu sperren, lebte Wichern mit ihnen in „Familien“ von je zwölf Kindern unter Anleitung eines Bruders. Aus diesem Bruderkollegium erwuchs eine ganze Bewegung von Diakonen – Laien, die hauptamtlich sozialdiakonisch arbeiteten.

Wichern praktizierte einen ganzheitlichen Ansatz: Glaube, Erziehung, Arbeit, Familienatmosphäre. Sein Wahlspruch lautete: „Die Liebe gehört mir wie der Glaube.“ (Wichern) Damit verband er die lutherische Rechtfertigungslehre (Glaube allein) mit einer tätigen Sozialethik – ein Beitrag, der sich gegen den Vorwurf des Pietismus richtete, evangelische Frömmigkeit sei sozial untauglich.

Die Stegreifrede in Wittenberg 1848

Auf dem ersten Deutschen Evangelischen Kirchentag in Wittenberg (1848) hielt Wichern am 22. September seine berühmte Stegreifrede, in der er die Gründung der Inneren Mission forderte. Vor dem Hintergrund der Märzrevolution, der Pauperisierung der industriellen Arbeiterschicht und des Glaubensverlusts breiter Volksschichten verlangte Wichern eine umfassende Erneuerung der evangelischen Kirche aus dem Geist der Liebe. Sein Schlüsselsatz: „Die rettende Liebe muss der Kirche das große Werkzeug werden, mit dem sie sich der heutigen Welt bezeugt. Eine solche Liebe muss in Deutschland der evangelischen Kirche das große Siegel ihres lebendigen Glaubens werden.“ (Wichern, Wittenberger Rede, 1848)

Aus dieser Rede entstand 1849 der Centralausschuss für die Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche. „Innere“ Mission deshalb, weil sie sich nicht an Heiden in Übersee, sondern an entkirchlichte und verarmte Menschen im eigenen Land richtete.

Friedrich von Bodelschwingh und die Anstaltsdiakonie

Ein zweiter großer Name der Diakoniegeschichte ist Friedrich von Bodelschwingh d. Ä. (1831–1910), der ab 1872 die Bethel-Anstalten bei Bielefeld zur größten diakonischen Einrichtung des Kontinents ausbaute. Bethel wurde zum Symbol für den Schutz von Menschen mit Behinderung, besonders Epilepsiekranker. Sein Sohn Friedrich von Bodelschwingh d. J. lehnte 1933 die Reichsbischofswahl ab und schloss in Bethel die Türen gegen die NS-Euthanasie (T4-Aktion). Sein Wort an die SS: „Wir liefern unsere Kranken nicht aus.“

Heutige Diakonie Deutschland

Aus der Inneren Mission und dem Hilfswerk der EKD (1945) entstand 1957 das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland, seit 2012 Diakonie Deutschland. Sie ist heute mit rund 600.000 hauptamtlichen Mitarbeitenden in über 33.000 Einrichtungen der zweitgrößte Wohlfahrtsverband in Deutschland (nach der Caritas). Arbeitsfelder: Altenpflege, Behindertenhilfe, Kinder- und Jugendhilfe, Krankenhäuser, Suchtberatung, Migrationsdienst, Brot für die Welt (1959 als Hungerhilfe gegründet, heute Entwicklungswerk), Diakonie Katastrophenhilfe.

Theologische Begründung der Diakonie

Theologisch ruht die Diakonie auf vier Pfeilern: Erstens dem Christusbezug – im Gedienten begegnet uns Christus selbst (Mt 25). Zweitens der Rechtfertigungslehre – aus dankbarer Antwort auf empfangene Gnade entsteht tätige Nächstenliebe (Luther: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“, Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520). Drittens der Imago-Dei-Anthropologie – jeder Mensch ist Ebenbild Gottes und trägt unverlierbare Würde. Viertens der diakonia Jesu – Jesus selbst kam, um zu dienen (Mk 10,45).

Abitur-Tipp: Wichern, Bodelschwingh und das Stichwort Innere Mission 1848 sind Pflichtwissen. Verbinde Diakonie immer mit Mt 25 (Weltgericht) und Luthers Freiheitsschrift. Für Eroerterungsaufgaben eignet sich die Frage: Ist Diakonie heute zwischen Kirche und Sozialstaat noch eigenständig profilierbar, oder droht sie zum Subunternehmer des Wohlfahrtsstaats zu werden?