Ökumene (von griech. oikoumenê = die ganze bewohnte Erde) bezeichnet im engeren Sinn das Streben nach sichtbarer Einheit der christlichen Kirchen. Theologische Grundlage ist das hohepriesterliche Gebet Jesu in Joh 17,21: „Auf dass sie alle eins seien, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, dass auch sie in uns seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ Die Spaltungen der Christenheit – Trennung von Lateinern und Orthodoxen 1054, Reformation 1517, Anglikanertum 1534, freikirchliche Aufspaltungen – werden als Skandal vor diesem Auftrag empfunden.
Die moderne ökumenische Bewegung entstand auf der Weltmissionskonferenz in Edinburgh 1910, organisiert von John R. Mott. Die Erkenntnis: Die Spaltungen behindern die Mission, denn afrikanische und asiatische Konvertiten verstehen nicht, warum Lutheraner, Methodisten und Anglikaner verschiedene Kirchen sind. Aus Edinburgh entwickelten sich drei Stränge: Faith and Order (Glauben und Kirchenverfassung, 1927), Life and Work (Praktisches Christentum, 1925) und der International Missionary Council.
Am 23. August 1948 wurde in Amsterdam der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK, engl. World Council of Churches, WCC) gegründet. 147 Kirchen aus 44 Ländern schlossen sich zusammen. Heute gehören rund 352 Mitgliedskirchen aus über 120 Ländern an, die zusammen etwa 580 Millionen Christen vertreten – orthodoxe, anglikanische, altkatholische, lutherische, reformierte, methodistische, pfingstlerische und freikirchliche Kirchen. Die Römisch-Katholische Kirche ist zwar nicht Mitglied, arbeitet aber im Sekretariat Joint Working Group mit.
Die Basisformel des ÖRK lautet: „Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ (ÖRK-Basisformel, erweitert Neu-Delhi 1961) Hauptsitz ist Genf. Vollversammlungen alle sieben Jahre – zuletzt Karlsruhe 2022.
Innerhalb des Protestantismus gab es seit der Reformation einen tiefen Riss zwischen lutherischer und reformierter Tradition, vor allem in der Abendmahlsfrage (Luther: est = Christus ist real gegenwärtig, leiblich; Zwingli/Calvin: significat = Christus ist im Glauben präsent). Der Marburger Religionsgespräch von 1529 zwischen Luther und Zwingli scheiterte an genau diesem Punkt. Erst die Leuenberger Konkordie, am 16. März 1973 in Leuenberg bei Basel verabschiedet, beendete die Trennung. Heute gehören ihr über 90 europäische Kirchen an (Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, GEKE).
Kernsatz: „Die beteiligten Kirchen gewähren einander Kirchen- und Abendmahlsgemeinschaft. Sie ermöglichen damit die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft.“ (Leuenberger Konkordie, 1973) Die Konkordie folgt dem Modell der Einheit in versöhnter Verschiedenheit: Die theologischen Differenzen bleiben bestehen, sind aber kein kirchentrennendes Hindernis mehr.
Am 31. Oktober 1999 (Reformationstag!) unterzeichneten in Augsburg der Lutherische Weltbund und die Römisch-Katholische Kirche die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre (GER). Sie erklärt, dass die wechselseitigen Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts (Trient gegen Luther, Luther gegen Trient) den heutigen Partner nicht mehr treffen. Kernsatz: „Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert.“ (GER, Nr. 15, 1999) Die Methodisten traten 2006 bei, die Anglikaner und Reformierten 2017. Damit ist die Reformationsspaltung in ihrem theologischen Hauptpunkt überwunden – ein Meilenstein nach 482 Jahren Trennung.
Am 22. April 2001 unterzeichneten die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) in Straßburg die Charta Oecumenica. Sie verpflichtet die unterzeichnenden Kirchen zu praktischer Zusammenarbeit in zwölf Bereichen: gemeinsames Zeugnis, Eintreten für Frieden, Sozial- und Umweltpolitik, Dialog mit Judentum und Islam. Sie ist kein dogmatisches Bekenntnis, sondern ein Selbstverpflichtungsdokument. „Wir verpflichten uns, einander zu begegnen und einander beizustehen.“ (Charta Oecumenica, 2001)
Trotz aller Fortschritte gibt es weiterhin tiefe Differenzen: das Amts- und Eucharistieverständnis (Frauenordination, apostolische Sukzession, Realpräsenz), das Papsttum (catholica vs. evangelische Kollegialität), die Mariologie und die Heiligenverehrung. Eine offizielle eucharistische Gastfreundschaft zwischen Katholiken und Protestanten gibt es bis heute nicht. Die Frage der konfessionsverschiedenen Ehen ist daher weiterhin eine pastorale Herausforderung. Papst Franziskus hat allerdings 2018 in Schwerin die Tabuzone vorsichtig gelockert.
Abitur-Tipp: Präge dir die Datentrias 1948 (ÖRK), 1973 (Leuenberg), 1999 (GER), 2001 (Charta Oecumenica) ein. Erkläre die Formel Einheit in versöhnter Verschiedenheit. Für Stellungnahmen eignet sich die Frage, ob die theologischen Differenzen den heutigen Christen überhaupt noch wichtig sind oder ob sie nur historischer Ballast sind.