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Evangelische Kirche im Nationalsozialismus – Deutsche Christen vs. Bekennende Kirche

Bonhoeffer und die Bekennende Kirche
Ausgangslage 1933

Als Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, gehörten rund 40 Millionen Menschen der evangelischen Kirche an – etwa zwei Drittel der deutschen Bevölkerung. Die evangelische Christenheit war in 28 unabhängige Landeskirchen zersplittert und dominiert von einem nationalkonservativen, antiweimarischen Milieu. Die Niederlage von 1918, der Versailler Vertrag und der Verlust des landesherrlichen Kirchenregiments hatten viele Pfarrer und Gemeinden antidemokratisch gestimmt. Hitler wurde anfangs als „Retter“ und „von Gott gesandter Führer“ begrüßt.

Die Glaubensbewegung Deutsche Christen

Die Deutschen Christen (DC), gegründet 1932 als „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ unter Joachim Hossenfelder, verstanden sich als theologischer Arm des Nationalsozialismus. Ihr Programm: Verschmelzung von Christentum und völkischem Denken, Anwendung des „Arierparagraphen“ auf die Kirche, Streichung des Alten Testaments, Ausschluss von Christen jüdischer Herkunft. Ihr Wahlslogan 1933: „Die Kirche muss deutsch werden!“

Bei den Kirchenwahlen am 23. Juli 1933, die Hitler persönlich per Rundfunk für die DC empfahl, gewannen sie in den meisten Landeskirchen klare Mehrheiten. Reichsbischof wurde der ehemalige Marinepfarrer Ludwig Müller. Die DC-Theologie, vor allem in der Nationalkirchlichen Bewegung Deutsche Christen radikalisiert, erklärte Jesus zum „arischen Galiläer“ (im Gegensatz zum „jüdischen Palästinenser Paulus“). Beim berüchtigten Sportpalast-Treffen am 13. November 1933 forderte Reinhold Krause vor 20.000 Anhängern: „Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lohnmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten.“

Die Bekennende Kirche als Gegenbewegung

Gegen die Vereinnahmung des Evangeliums formierte sich Widerstand. Im September 1933 gründete Martin Niemöller den Pfarrernotbund; aus ihm entstand 1934 die Bekennende Kirche (BK). Ihre theologische Sprache ist die Barmer Theologische Erklärung (Mai 1934, maßgeblich von Karl Barth verfasst): „Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären.“ (Barmer Erklärung, These 2, 1934)

Die BK organisierte sich in Brüderräten und gründete eigene Predigerseminare, deren bekanntestes Finkenwalde unter Dietrich Bonhoeffer (1935–1937, dann illegal) war. Sie unterhielt Untergrundnetzwerke, schrieb Briefe an Hitler (Denkschrift der Vorläufigen Kirchenleitung 1936) und versuchte mit theologischen Argumenten dem nationalsozialistischen Totalitarismus etwas entgegenzusetzen.

Schuld und Schweigen

Die BK war kein politischer Widerstand im Vollsinn. Ihre Hauptsorge galt der Reinheit der Verkündigung, nicht dem Sturz des Regimes. Vor allem in der Judenfrage versagte der größte Teil des deutschen Protestantismus – auch der Bekennenden Kirche. Sie verteidigte zwar die getauften Judenchristen, schwieg aber weitgehend zur Verfolgung und später zur Vernichtung der jiddischsprachigen und deutschen Juden. Niemöllers berühmte Reue ist deshalb so wichtig: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ (Niemöller, ab 1946 in verschiedenen Fassungen)

Bonhoeffer und der Tyrannenmord

Dietrich Bonhoeffer war einer der wenigen Theologen, die den Schritt vom kirchlichen zum politischen Widerstand vollzogen. Seit 1940 arbeitete er über den Abwehrkreis um Admiral Canaris an den Attentatsplänen gegen Hitler mit. In seiner unvollendeten Ethik begründete er die Tyrannenmord-Option theologisch: Wer im Angesicht des Massenmords schweigt, wird mitschuldig. Bonhoeffer wurde am 5. April 1943 verhaftet und am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet, wenige Wochen vor Kriegsende.

Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945 und Aufarbeitung

Schon im Oktober 1945 verfasste der Rat der EKD das Stuttgarter Schuldbekenntnis: „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. ... Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ (Stuttgart, 19. Oktober 1945) Es war innerhalb der Kirche umstritten, weil viele Mitglieder den Eindruck hatten, sie hätten doch „widerstanden“. Erst 1980 verabschiedete die Rheinische Synode die Erklärung Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden, die den christlichen Antijudaismus theologisch verwarf und das bleibende Erwähltsein Israels anerkannte – ein Meilenstein der Aufarbeitung.

Abitur-Tipp: Beherrsche die Trias Deutsche Christen – Bekennende Kirche – Stuttgarter Schuldbekenntnis. Das Niemöller-Zitat ist Pflicht. Diskutiere kritisch: War die Bekennende Kirche wirklich Widerstand, oder eher eine kirchliche Selbstverteidigung? Die judenchristliche Lücke gehört zur ehrlichen Bewertung und ist klausurrelevant.