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Christlich-jüdischer Dialog

Anne Frank – Symbol des jüdisch-christlichen Dialogs
Vom Antijudaismus zum Dialog

Das Verhältnis von Christentum und Judentum ist von einer fast zweitausendjährigen Geschichte geprägt, die der jüdisch-amerikanische Historiker Jules Isaac (1877–1963) in Jesus und Israel (1948) als „Lehre der Verachtung“ bezeichnet hat. Dazu gehörten die Vorwürfe des Gottesmordes, der Verstockung und Verwerfung Israels, die Substitutionstheorie (die Kirche habe Israel als Volk Gottes „ersetzt“), die Diskriminierung im Mittelalter (Lateranskonzil 1215, Judenkennzeichnung), Pogrome und schließlich die Schoa (Holocaust 1939–1945), in der etwa sechs Millionen Juden ermordet wurden. Die meisten Täter waren getaufte Christen.

Nach Auschwitz war die christliche Theologie zu einer fundamentalen Selbstprüfung gezwungen. Der amerikanische Theologe Franklin Littell formulierte 1975 die provokante These: „Die Kreuzigung Jesu eines Juden konnte vergessen werden. Auschwitz nicht.“ – und Johann Baptist Metz prägte den Satz: „Es gibt keine Wahrheit für mich, die ich vor Auschwitz verteidigen könnte.“ (Metz, Mit dem Antlitz der Juden, 1984)

Christlicher Antijudaismus – Wurzeln und Folgen

Theologisch hat sich der christliche Antijudaismus an mehreren neutestamentlichen Stellen festgemacht: Mt 27,25 („Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“), Joh 8,44 („Ihr habt den Teufel zum Vater“), 1 Thess 2,14–16. Diese Texte wurden Jahrhunderte lang als Generalanklage gegen das jüdische Volk gelesen, statt sie historisch im innerjüdischen Streit der ersten Generation zu verorten. Augustinus entwickelte die Lehre vom „Zeugenvolk“, Chrysostomos hielt antijudaistische Predigten, Luther schrieb 1543 das beschamende Pamphlet Von den Juden und ihren Lügen, das die NS-Propaganda dankbar nutzte.

Nostra Aetate 1965 – der katholische Wendepunkt

Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil verabschiedete die römisch-katholische Kirche am 28. Oktober 1965 die Erklärung Nostra Aetate („In unserer Zeit“) über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen, deren längster und wichtigster Abschnitt dem Judentum gilt. Kernsatz: „Auch wenn die jüdischen Behörden mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann das, was bei seinem Leiden begangen wurde, weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last gelegt werden.“ (Nostra Aetate, Nr. 4, 1965) Damit war der Gottesmord-Vorwurf offiziell aufgegeben. Papst Johannes Paul II. besuchte 1986 als erster Papst die Synagoge von Rom und nannte die Juden „unsere älteren Brüder im Glauben“.

Rheinische Synode 1980 – der evangelische Wendepunkt

Im evangelischen Bereich kam der entscheidende Schritt durch die Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland am 11. Januar 1980. Sie verabschiedete den Beschluss Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden, der vier theologische Aussagen formulierte: 1) Anerkennung der Mitschuld am Holocaust; 2) Erkenntnis, dass die Existenz des jüdischen Volkes Zeichen der Treue Gottes ist; 3) Anerkennung des bleibenden Bundes Gottes mit Israel (Substitutionstheorie wird verworfen); 4) Verzicht auf Judenmission. „Wir bekennen erschrocken die Mitverantwortung und Schuld von Christen in Deutschland am Holocaust.“ (Rheinische Synode, 1980) Andere Landeskirchen schlossen sich an; in viele Verfassungen wurde die Verhältnisbestimmung Israel-Kirche aufgenommen.

Martin Buber – Ich und Du

Martin Buber (1878–1965), jüdischer Religionsphilosoph aus Wien, entfaltete in seinem Hauptwerk Ich und Du (1923) eine dialogische Anthropologie, die auch für die christliche Theologie prägend wurde. „Im Anfang ist die Beziehung.“ (Buber, Ich und Du, 1923) Der Mensch lebt in zwei Grundverhältnissen: dem Ich-Es (instrumentell, distanziert) und dem Ich-Du (beziehungsvoll, lebendig). Gott ist das ewige Du, das jeder echten Begegnung zugrundeliegt: „Die verlängerten Linien der Beziehungen schneiden sich in dem ewigen Du.“ Buber war zugleich Verfechter des chassidischen Erbes (Erzählungen der Chassidim, 1949) und einer messianisch-binärstaatlichen Vision für Palästina.

Theologische Konsequenzen

Aus dem heutigen Dialog ergeben sich drei theologische Selbstkorrekturen der Kirchen: Erstens die Aufgabe der Substitutionstheorie – die Kirche hat Israel nicht ersetzt, sondern wird durch Christus in den Bund mit Israel hineingenommen (Röm 9–11). Zweitens die Anerkennung des bleibenden Heilswegs Israels (umstritten zwischen Inklusivismus und Pluralismus). Drittens die Bibelexegese mit jüdischen Augen: Das Alte Testament ist nicht bloß Vorgeschichte, sondern eigenständiges Zeugnis des einen Gottes. Christen entdecken Jesus als Juden neu – ein Prozess, der bis in die Liturgie (Karfreitagsfürbitte) hineinreicht.

Abitur-Tipp: Präge dir die zwei Schlüsseldokumente Nostra Aetate (1965) und Rheinische Synode (1980) ein. Buber-Zitat „Im Anfang ist die Beziehung“ gehört zum Standardrepertoire. Verwende den Begriff Substitutionstheorie und kannst du ihn definieren? Diskutiere kritisch: Gehört die Judenmission heute zur christlichen Identität oder ist sie Verrat am Bund Gottes mit Israel?