Christentum, Judentum und Islam werden häufig als abrahamitische Religionen zusammengefasst. Der Begriff geht auf den französischen Islamwissenschaftler Louis Massignon (1883–1962) zurück und bezeichnet die gemeinsame Wurzel im Glauben an den einen Gott Abrahams (hebr. Avraham, arab. Ibrahim). Alle drei Religionen verstehen sich als monotheistisch und beziehen sich auf die hebräische Bibel oder ihren Anfang. Im Koran ist Ibrahim der erste hanif – der erste reine Monotheist (Sure 3,67): „Ibrahim war weder Jude noch Christ, sondern er war ein Hanif, ein Muslim, und gehörte nicht zu den Götzendienern.“ (Koran, Sure 3,67) Die abrahamitische Klammer wird heute kritisch reflektiert: Sie betont das Verbindende, blendet aber theologische Differenzen aus, etwa die christologische Frage und das prophetische Selbstverständnis des Korans als Endsiegel der Offenbarung.
Die zentrale Differenz zum Christentum betrifft die Christologie und die Trinität. Der Koran verehrt Jesus (arab. Isa ibn Maryam) als bedeutenden Propheten und Wundertäter, lehnt aber seine Gottessohnschaft ab. In Sure 5,73 heißt es: „Ungläubig sind wahrlich diejenigen, die sagen: ‘Allah ist der Dritte von dreien.’“ Und Sure 4,157 bestreitet die Kreuzigung: „Sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt, sondern es erschien ihnen so.“ Damit steht das Herzstück der christlichen Verkündigung – der gekreuzigte und auferweckte Christus als Gott – im direkten Widerspruch zum koranischen Tauhid (Einheit Gottes). Zugleich würdigt der Koran Jesus höher als jede andere nichtmuslimische Tradition: er ist kalimatullah (Wort Gottes) und ruh minhu (Geist von ihm).
Die Geschichte christlich-islamischer Begegnungen ist von Krieg (Kreuzzüge 1096–1291, Reconquista, Belagerungen Wiens 1529 und 1683) und von wissenschaftlichem Austausch geprägt. In Toledo übertrugen christliche, jüdische und muslimische Gelehrte gemeinsam die griechische Philosophie ins Lateinische. Thomas von Aquin rezipierte Avicenna und Averroes, Nikolaus von Kues schrieb nach dem Fall Konstantinopels 1453 die irenische Schrift De pace fidei (1453) mit der Vision einer „una religio in rituum varietate“ (eine Religion in der Vielfalt der Riten). Auch Luther kannte den Koran (in der lateinischen Übersetzung Theodor Biblianders 1543) und schrieb dazu eine Vorrede.
Das Zweite Vatikanische Konzil äußerte sich in Nostra Aetate (1965) auch zum Islam: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde.“ (Nostra Aetate, Nr. 3, 1965) Damit wurde erstmals offiziell anerkannt, dass Christen und Muslime denselben Gott meinen, auch wenn sie ihn unterschiedlich verstehen. Papst Johannes Paul II. besuchte 1985 die Moschee in Casablanca, Papst Benedikt XVI. löste 2006 mit der Regensburger Vorlesung eine Krise aus, beruhigte sie jedoch durch den Besuch der Blauen Moschee in Istanbul.
Im Oktober 2007 veröffentlichten 138 muslimische Gelehrte das Schreiben A Common Word Between Us and You, gerichtet an den Papst und die christlichen Führer weltweit. Es identifiziert das Doppelgebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten als gemeinsame Mitte beider Religionen und zitiert dafür sowohl Mk 12,29–31 als auch Sure 3,64. Eine Antwort von Yale University Theologen führte zu einem ausgedehnten Dialog. 2016 verabschiedeten 250 muslimische Gelehrte in Marokko die Marrakesch-Erklärung zu den Rechten religiöser Minderheiten in mehrheitlich muslimischen Ländern. Beide Dokumente sind Meilensteine.
Der christlich-islamische Dialog stößt auf eine hermeneutische Schwierigkeit: Im Islam gilt der Koran nach klassischer Lehre als direktes, ungeschaffenes Wort Gottes, das in arabischer Sprache an Mohammed offenbart wurde. Eine historisch-kritische Auslegung wie in der christlichen Bibelwissenschaft ist daher umstritten. Reformorientierte muslimische Denker wie Mohammed Arkoun, Nasr Hamid Abu Zaid, Mouhanad Khorchide oder Fazlur Rahman plädieren für eine kontextuelle Lektüre. Khorchide, Professor für islamische Theologie in Münster, schreibt in Islam ist Barmherzigkeit (2012): „Der Koran ist kein Gesetzbuch, sondern eine Botschaft der Barmherzigkeit.“ Solche Ansätze bilden die Brücke für einen tragfähigen Dialog.
Abitur-Tipp: Lerne die zentrale Differenz zwischen Christentum und Islam: Trinität und Kreuzigung. Die Begriffe abrahamitische Religionen, Tauhid, Hanif und A Common Word (2007) sind klausurrelevant. Achte darauf, dass du nicht in falsche Symmetrien verfällst – Dialog ist nicht Gleichmacherei.