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Buddhismus und Christentum – ein religiöser Vergleich

Siddharta Gautama – der historische Buddha

Siddharta Gautama (etwa 563–483 v. Chr. nach älterer, etwa 480–400 v. Chr. nach neuerer Datierung) stammte aus der nordindischen Adelsfamilie der Shakya, daher der Beiname Shakyamuni – der Weise aus dem Geschlecht der Shakya. Mit 29 verließ er als so genannter Vier-Bilder-Schock (Krankheit, Alter, Tod und ein wandernder Asket) seinen Palast und begab sich auf die Suche nach Befreiung vom Leid. Nach sechs Jahren strenger Askese und meditativer Versenkung erlangte er unter dem Bodhibaum in Bodh Gaya die Erleuchtung (bodhi) und wurde damit zum Buddha – dem „Erwachten“. Seine erste Predigt im Wildpark von Sarnath bei Benares ist als Dhammacakkappavattana-Sutta – die „Dharmarad-Predigt“ – überliefert.

Die Vier Edlen Wahrheiten

Im Zentrum der buddhistischen Lehre stehen die Vier Edlen Wahrheiten (skt. cattari ariyasaccani), die Buddha in seiner ersten Predigt formulierte:

1. Die Wahrheit vom Leid (dukkha): „Geburt ist Leid, Altern ist Leid, Krankheit ist Leid, Tod ist Leid, Trauer und Klage, Schmerz, Kummer und Verzweiflung sind Leid; mit Unliebem vereint sein ist Leid, von Liebem getrennt sein ist Leid, nicht zu erlangen, was man wünscht, ist Leid.“ (Dhammacakkappavattana-Sutta)

2. Die Wahrheit von der Entstehung des Leids (samudaya): Ursache allen Leids ist der tanha (Durst, Begierde, Anhaftung).

3. Die Wahrheit von der Aufhebung des Leids (nirodha): Wenn die Begierde erlischt, erlischt auch das Leid – das ist Nirvana (wörtl. „Verlöschen“).

4. Die Wahrheit vom Weg zur Aufhebung des Leids (magga): Der Edle Achtfache Pfad führt zu dieser Aufhebung.

Der Edle Achtfache Pfad

Der Edle Achtfache Pfad (ariyo atthangiko maggo) gliedert sich in drei Bereiche – Weisheit, Sittlichkeit, Versenkung – mit insgesamt acht Gliedern:

Weisheit (panna): 1. Rechte Erkenntnis, 2. Rechte Gesinnung. Sittlichkeit (sila): 3. Rechte Rede, 4. Rechtes Handeln, 5. Rechter Lebenserwerb. Versenkung (samadhi): 6. Rechte Anstrengung, 7. Rechte Achtsamkeit, 8. Rechte Sammlung. Der Pfad ist ein mittlerer Weg zwischen Sinnenlust und Selbstpeinigung – eine Erfahrung, die Buddha am eigenen Leib gemacht hatte.

Anatta – die Nicht-Selbst-Lehre

Eine zentrale Differenz zum Christentum ist die buddhistische Lehre vom Anatta (Pali) bzw. Anatman (Sanskrit) – dem „Nicht-Selbst“. Was wir „Ich“ nennen, ist kein bleibender Wesenskern (keine „Seele“), sondern eine momentane Verbindung von fünf Skandhas (Körper, Empfindungen, Wahrnehmungen, geistige Formationen, Bewusstsein). Wer dies durchschaut, lässt die Anhaftung an das eigene Ich los und erlangt Befreiung. Im Christentum ist dagegen der Mensch eine unverlierbare, vor Gott verantwortliche Person mit einer Seele – eine grundlegende anthropologische Differenz.

Vergleich Buddhismus – Christentum

Beide Religionen kennen ein Erlösungsanliegen, gehen aber sehr verschiedene Wege. Ein paar Eckpunkte:

- Gott: Christentum monotheistisch (Gott als persönliches Du), Buddhismus nicht-theistisch (Gott ist im Theravada keine erlösende Instanz, im Mahayana gibt es Bodhisattvas und Amitabha). - Mensch: Christentum sieht Person und Seele, Buddhismus sieht Anatta. - Heilsweg: Christentum durch Gnade und Glauben, Buddhismus durch Erkenntnis und meditative Praxis. - Ziel: Christentum ewiges Leben in Gemeinschaft mit Gott, Buddhismus Verlöschen aller Anhaftung im Nirvana. - Ethik: beide hochethisch, beide Doppel-Schwerpunkt Mitgefühl/Liebe (christl. agapê, buddhist. karuna und metta).

Der Dalai Lama sagt: „Meine Religion ist sehr einfach. Meine Religion ist die Güte.“ – ein Satz, den auch ein Christ unterschreiben könnte. Doch theologisch trennen die Religionen die Frage nach einem persönlichen Gott und nach der Ich-Identität.

Buddhistisch-christlicher Dialog

Wichtige Dialogpartner: der Trappist Thomas Merton (1915–1968), der vor seinem Tod Buddhisten in Asien besuchte, und der vietnamesische Zen-Mönch Thich Nhat Hanh (1926–2022), der das engagierte Zen propagierte und das Buch Living Buddha, Living Christ (1995) schrieb. Auch Hans Küng widmete in Spurensuche: Die Weltreligionen auf dem Weg (1999) dem Buddhismus ein Hauptkapitel und arbeitete am Projekt Weltethos, das nach gemeinsamen ethischen Standards aller Weltreligionen fragt.

Abitur-Tipp: Lerne die Vier Edlen Wahrheiten und den Achtfachen Pfad in der korrekten Reihenfolge. Beim Vergleich nicht die Differenz theistisch / nicht-theistisch und Person / Anatta vergessen. Schreibe nicht: „Buddhismus ist Religion ohne Gott“ – das ist zu einfach. Sage: „Buddhismus kennt kein erlösendes persönliches Göttliches.“ Verbinde mit Tillichs Begriff der „letzten Angelegenheit“.