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Religion und Naturwissenschaft

Vier Modelle des Verhältnisses

Der Religionsphilosoph und Physiker Ian Barbour (1923–2013) hat in Religion in an Age of Science (1990) vier Modelle für das Verhältnis von Religion und Naturwissenschaft unterschieden, die bis heute die Diskussion bestimmen: Konflikt (Religion und Naturwissenschaft schließen sich aus – vertreten von Kreationisten und neuen Atheisten), Unabhängigkeit (beide bearbeiten verschiedene Fragen, sie berühren sich nicht – Stephen Jay Goulds „Non-Overlapping Magisteria“ 1997), Dialog (es gibt Schnittflächen, über die produktiv gesprochen werden kann) und Integration (theologische und naturwissenschaftliche Aussagen werden in eine Gesamtsicht eingewoben).

Galilei und das Buch der Natur

Die berühmteste Konfliktszene ist der Fall Galileo Galilei (1564–1642). Galilei verteidigte das heliozentrische Weltbild des Nikolaus Kopernikus und wurde 1633 von der römischen Inquisition zum Widerruf gezwungen. In seinem Brief an die Großherzogin Christina von Lothringen (1615) entwickelte er das berühmte Akkomodationsprinzip: Die Bibel rede in den Vorstellungen ihrer Zeit, um den Menschen das Heil mitzuteilen, nicht den Bauplan des Kosmos. Galilei zitierte den Kirchenvater Augustinus und schrieb selbst: „Die Heilige Schrift will uns lehren, wie man in den Himmel kommt, nicht, wie der Himmel beschaffen ist.“ (Galilei nach Cesare Baronio, 1615) Erst 1992 sprach Papst Johannes Paul II. eine offizielle Rehabilitation aus und sprach von einem „tragischen wechselseitigen Missverstehen“.

Darwin und die Evolution

Mit Charles Darwins On the Origin of Species (1859) und The Descent of Man (1871) brach ein zweiter Konflikt auf: Wenn der Mensch ein Produkt zufälliger Mutation und Selektion ist, was bleibt dann von Imago Dei und Schöpfungsplan? Die anglikanische Kirche stellte sich anfangs gegen Darwin (Wilberforce-Huxley-Debatte 1860 in Oxford), tolerierte ihn aber bald. Im 20. Jahrhundert akzeptierte auch die katholische Kirche die Evolution: Pius XII. in Humani generis (1950), klarer Johannes Paul II. 1996: „Die Evolution ist mehr als eine Hypothese.“ Heute ist die Mehrheit der christlichen Theologen davon überzeugt, dass Schöpfungsglaube und Evolutionsbiologie sich nicht widersprechen, weil sie verschiedene Fragen beantworten: Naturwissenschaft fragt nach dem „Wie“, Theologie nach dem „Wozu“.

Teilhard de Chardin – Evolution als Schöpfung

Der französische Jesuit, Paläontologe und Theologe Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955) versuchte eine umfassende Synthese von Christentum und Evolution. In seinem Hauptwerk Le Phénomène humain (Der Mensch im Kosmos, postum 1955) entwirft er die Vision einer aufsteigenden Evolution von Materie über Leben und Bewusstsein hin zum Punkt Omega – Christus als kosmisches Ziel. Sein berühmter Satz: „Die Evolution ist ein Aufstieg zum Bewusstsein.“ (Teilhard, Der Mensch im Kosmos, 1955) Sein Werk wurde von der katholischen Kirche zu Lebzeiten zensiert („Monitum“ 1962), beeinflusste aber das Zweite Vatikanum tief.

Wolfhart Pannenberg – Theologie und Naturwissenschaft

Wolfhart Pannenberg (1928–2014) gilt als der wichtigste deutsche Theologe, der den Dialog mit der Naturwissenschaft systematisch aufgenommen hat. In Theologie und Naturwissenschaft (Sammelband 1991) und in seiner dreibändigen Systematischen Theologie (1988–1993) argumentiert er: Theologie ist Wissenschaft von Gott, und Gott ist die alles bestimmende Wirklichkeit. Daher dürfen theologische Aussagen die naturwissenschaftliche Beschreibung der Welt nicht ignorieren. Pannenberg interpretiert die Schöpfung als Kontingenzerfahrung: Dass überhaupt etwas ist und nicht nichts, ist nicht aus den Naturgesetzen ableitbar. Auch die Auferstehung ist für Pannenberg kein supranaturales Wunder, sondern ein eschatologischer Vorgriff, der historisch zugänglich ist.

Neuer Atheismus und seine Kritik

Im 21. Jahrhundert greift der so genannte Neue Atheismus (Richard Dawkins, The God Delusion 2006; Christopher Hitchens, Sam Harris, Daniel Dennett) das alte Konfliktmodell wieder auf und behauptet, der Glaube sei mit der modernen Wissenschaft schlechterdings unvereinbar. Theologische Antworten kommen u.a. von John Polkinghorne (Physiker und anglikanischer Priester, Theology in the Context of Science 2008), Alister McGrath (The Dawkins Delusion? 2007) und Hans Küng (Der Anfang aller Dinge, 2005). Sie weisen darauf hin: Die Naturwissenschaft beantwortet die Frage nach Mechanismen, nicht nach Sinn. Wer Naturwissenschaft zur Letztwahrheit erhebt, betreibt einen heimlichen Szientismus, der seinerseits ein Glaubensakt ist.

Abitur-Tipp: Präge dir Barbours vier Modelle ein und kannst du sie mit Beispielen belegen? Galilei (1633/1992), Darwin (1859), Teilhard, Pannenberg gehören zum Standardpersonal. Für Stellungnahmen ist der Satz Galileis „wie man in den Himmel kommt, nicht wie der Himmel beschaffen ist“ ein perfektes Schlusswort.