Die christliche Anthropologie sieht den Menschen in einer dreifachen Bestimmung, die sich nicht zeitlich, sondern existentiell zueinander verhält: Der Mensch ist Geschöpf Gottes (creatura), Sünder (peccator) und Gerechtfertigter (iustus). Diese Trias ist das Herzstück reformatorischer Theologie und unterscheidet das christliche Menschenbild sowohl von der antiken Tugendlehre (Aristoteles) als auch von modernen naturalistischen Anthropologien (Materialismus, Soziobiologie).
Die Geschöpflichkeit ist die fundamentale Bestimmung. Der Mensch ist nicht Schöpfer seiner selbst, sondern verdankt sein Dasein einem freien göttlichen Schaffensakt. „Da bildete Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (Gen 2,7) Damit ist der Mensch endlich, leiblich, bedürftig und beziehungsvoll: aus Erde (adamah) und Atem (neshamah), in Gemeinschaft mit dem Gegenüber (Gen 2,18: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“).
Zugleich ist er Imago Dei – Ebenbild Gottes (Gen 1,27). Karl Barth interpretiert die Imago Dei in KD III/1 (1945) als Beziehungsfähigkeit: Der Mensch ist Bild Gottes, weil er als Mann und Frau geschaffen ist und damit das innertrinitarische Du-Verhältnis abbildet. Daraus folgt unverlierbare Würde: Jeder Mensch – ungeboren, behindert, sterbend – ist Bild Gottes und nicht Mittel zum Zweck.
Die zweite Dimension ist die Sünde. Nach klassischer evangelischer Lehre ist Sünde nicht zuerst eine moralische Verfehlung, sondern ein gestörtes Gottesverhältnis: das aktive Wegtreten von Gott, der Versuch, „wie Gott zu sein“ (Gen 3,5). Luther verschärft das im Begriff der Erbsünde (peccatum originale) und der cor incurvatum in seipsum – das in sich selbst verkrümmte Herz: „Unsere Natur ist durch das Verderben der ersten Sünde so tief in sich selbst hineingebogen, dass sie nicht nur die besten Gaben Gottes auf sich selbst krummt und genießt, sondern selbst Gott zu eigenen Zwecken genießt.“ (Luther, Römerbriefvorlesung, 1515/16) Sünde ist also der grundlegende Egoismus, der sich nicht aus eigener Kraft überwinden lässt.
Reinhold Niebuhr (1892–1971) hat in seiner Gifford-Lecture The Nature and Destiny of Man (1941/43) die Erbsünde als die einzige empirisch nachweisbare Lehre der Theologie bezeichnet – mit Blick auf Krieg, Rassenhass und totalitäre Politik des 20. Jahrhunderts.
Die dritte Dimension ist der Gerechtfertigte – der Mensch, dem Gott im Glauben um Christi willen seine Gerechtigkeit zuspricht. Luthers reformatorische Entdeckung beim Studium von Röm 1,17 lautet: Die iustitia Dei ist nicht die richtende, sondern die schenkende Gerechtigkeit. Im Brief an Melanchthon vom 1. August 1521 schreibt Luther: „Sei ein Sünder und sündige tapfer, aber glaube tapferer und freue dich in Christus, der der Überwinder der Sünde, des Todes und der Welt ist.“ (Luther, Brief an Melanchthon, 1521) Der Satz ist provokant, soll aber zeigen: Die Rechtfertigung hängt nicht an unserer Sündlosigkeit, sondern an Christi Werk.
Daraus folgt die berühmte Formel simul iustus et peccator – zugleich gerecht und Sünder. Der Mensch bleibt in sich selbst Sünder, ist aber durch Gottes Gnade in Christus gerecht gesprochen. Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre (1999) zwischen Lutheranern und Katholiken hat diesen Kerngedanken gemeinsam bestätigt.
Blaise Pascal (1623–1662) hat in den Pensées (postum 1670) die christliche Doppelnatur des Menschen klassisch formuliert: „Was ist also der Mensch in der Natur? Ein Nichts gegenüber dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, ein Mittleres zwischen Nichts und All.“ (Pascal, Pensées, Fr. 199) Diese Spannung zwischen Größe und Elend, zwischen Imago Dei und Erbsünde, ist das Geheimnis des Menschen, das sich nur christologisch enträtselt: in Christus zeigt sich, was Mensch sein heißt.
Die Trias hat unmittelbare ethische Konsequenzen. Weil der Mensch Geschöpf ist, hat er unverlierbare Würde – Argument gegen Lebenswertabstufung in Bioethik. Weil er Sünder ist, braucht es Recht, Macht- und Gewaltenteilung – Argument gegen utopische politische Systeme, die den „neuen Menschen“ schaffen wollen. Weil er Gerechtfertigter ist, lebt er aus dankbarer Antwort auf empfangene Gnade – Argument gegen Selbstrechtfertigung durch Leistung. Christliche Ethik ist deshalb weder optimistisch noch pessimistisch, sondern realistisch und hoffnungsvoll.
Abitur-Tipp: Lerne die Trias Geschöpf – Sünder – Gerechtfertigter mit den wichtigsten Belegen (Gen 1,27; Gen 3,5; Röm 1,17). Die Begriffe Imago Dei, cor incurvatum in seipsum und simul iustus et peccator sind Pflicht. Für Vergleichsaufgaben ist Pascals Wort vom „Mittleren zwischen Nichts und All“ ein hervorragender Aufhänger.