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Christologische Konzilien – Nizäa, Konstantinopel, Chalcedon

Warum überhaupt Konzilien?

In den ersten fünf Jahrhunderten musste die christliche Kirche grundlegende Fragen klären, die bereits im Neuen Testament aufgeworfen, aber nicht abschließend beantwortet worden waren: Wer ist Jesus Christus – ein Mensch? ein Halbgott? Gott selbst? Wie ist das Verhältnis zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist zu denken? Wie kann ein Mensch zugleich Gott sein? Diese Fragen waren nicht nur akademisch, sondern hatten unmittelbare Konsequenzen für das Heil: Wenn Christus nicht wirklich Gott war, kann er nicht erlösen; wenn er nicht wirklich Mensch war, hat er nicht wirklich gelitten und wir nicht wirklich Anteil an Gottes Leben.

Aus der innerkirchlichen Debatte erwuchsen die sieben ökumenischen Konzilien (325 bis 787), von denen die ersten vier christologisch entscheidend sind. Sie wurden vom römischen Kaiser einberufen, der ein politisches Interesse an der Einheit des Reiches hatte, und sind bis heute die gemeinsame Grundlage von Orthodoxie, Katholizismus und großen Teilen des Protestantismus.

Nizäa 325 – gegen Arius

Auslosender Streit war die Lehre des alexandrinischen Presbyters Arius (ca. 260–336): Christus sei das höchste Geschöpf, aber nicht ewig wie der Vater. Sein griffiger Slogan: „Es gab eine Zeit, da war er nicht“ (en pote hote ouk en). Damit war Christus eine Art Halbgott zwischen Schöpfer und Schöpfung – und das Heil unsicher.

Kaiser Konstantin berief 325 das erste ökumenische Konzil in Nizäa (heute Íznik in der Türkei) ein. 318 Bischöfe verabschiedeten das Bekenntnis von Nizäa mit dem entscheidenden Begriff homoousios (wesensgleich): Christus ist „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“. (Nizänum, 325) Damit war Arius verworfen. Der Streit ging allerdings noch Jahrzehnte weiter, weil der Begriff homoousios in der Bibel nicht vorkam und vielen Bischöfen suspekt war. Athanasius von Alexandria verteidigte das Nizänum gegen fünf Verbannungen und gilt deshalb als Vater der Trinitätslehre.

Konstantinopel 381 – die volle Trinität

Das zweite ökumenische Konzil von Konstantinopel (381) erweiterte das Bekenntnis um die Aussagen über den Heiligen Geist und schloss damit die Trinitätslehre ab. Vor allem die drei kappadokischen Väter – Basilius der Große, Gregor von Nyssa und Gregor von Nazianz – entwickelten die klassische Formel: mia ousia, treis hypostaseis – eine Wesenheit, drei Hypostasen (Personen). Aus Nizäa und Konstantinopel zusammen entstand das so genannte Nizäno-Konstantinopolitanum, das bis heute am Sonntagsgottesdienst aller orthodoxen, katholischen und vieler evangelischen Kirchen gesprochen wird.

Ephesus 431 – theotókos

Im 5. Jahrhundert verschob sich die Frage von der Trinität zur Christologie im engeren Sinn: Wie sind in Christus Göttliches und Menschliches verbunden? Der Patriarch von Konstantinopel, Nestorius (ca. 381–451), wollte beide Naturen scharf trennen und lehnte den Marientitel theotókos (Gottesgebärerin) ab; Maria habe nur den Menschen Jesus geboren, nicht Gott. Sein Gegner Kyrill von Alexandria verteidigte den Titel als Konsequenz der Inkarnation. Das Konzil von Ephesus (431) verurteilte Nestorius. Zugleich wurde damit der Anfang der christlichen Frommheit gegenüber Maria gelegt.

Chalcedon 451 – die Zwei-Naturen-Lehre

Das wichtigste christologische Konzil ist das vierte ökumenische in Chalcedon bei Konstantinopel im Jahr 451. Auslosend war der Streit um den Konstantinopolitaner Mönch Eutyches, der die Verschmelzung beider Naturen lehrte (Monophysitismus). Das Konzil verabschiedete den berühmten Definitionstext, der das christologische Bekenntnis bis heute prägt. Christus ist „wahrer Gott und wahrer Mensch (vere Deus et vere homo) ... in zwei Naturen unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungesondert (asynchytôs, atreptôs, adiairetôs, achôristôs) erkannt; die Verschiedenheit der Naturen wird durch die Vereinigung keineswegs aufgehoben, vielmehr bleibt die Eigenart jeder der beiden Naturen erhalten und vereinigt sich zu einer Person und einer Hypostase.“ (Chalcedonense, 451)

Diese vier negativen Bestimmungen (die so genannten Adverbien des Chalcedonense) sind genial: Sie sagen nicht, wie die Vereinigung geschieht, sondern grenzen aus, was sie nicht ist. So wird das Geheimnis bewahrt, ohne in vorschnelle Lösungen zu flüchten.

Bedeutung und Folgen

Die christologischen Konzilien haben zweierlei geleistet: Sie haben das biblische Christuszeugnis in die Begrifflichkeit der griechischen Philosophie übersetzt (Adolf von Harnack hat das 1900 in Das Wesen des Christentums kritisch Hellenisierung genannt), und sie haben Standards gesetzt, an denen sich alle späteren Christologien messen lassen müssen. Reformatoren wie Luther und Calvin haben das Chalcedonense ausdrücklich anerkannt. Auch die Bekennende Kirche bezog sich auf das Chalcedonense, als sie 1934 in Barmen die Vereinnahmung Christi durch nationalsozialistische Ideologien zurückwies. Eine Folge der Konzilien war allerdings eine Reihe von Spaltungen: Die altorientalischen Kirchen (Kopten, Armenier, Äthiopier, Syro-Orthodoxe, Inder) lehnten Chalcedon ab und gelten seither als nicht-chalcedonische oder orientalisch-orthodoxe Kirchen. Erst im 20. Jahrhundert wurde im Ökumene-Dialog deutlich, dass die alten Streitfragen oft mehr ein sprachliches als ein sachliches Missverständnis waren.

Abitur-Tipp: Lerne die Vier-Konzilien-Trias Nizäa 325 – Konstantinopel 381 – Ephesus 431 – Chalcedon 451 mit den jeweiligen Schlüsselbegriffen homoousios, theotókos, vere Deus et vere homo. Die vier negativen Bestimmungen Chalcedons (unvermischt, unverwandelt, ungetrennt, ungesondert) sind der Lackmustest jeder Christologie-Klausur.