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Karl Barth – Dialektische Theologie und Römerbrief

Karl Barth – Theologe der Dialektischen Theologie
Leben und Bedeutung

Karl Barth (1886–1968) gilt als der bedeutendste evangelische Theologe des 20. Jahrhunderts. Geboren in Basel als Sohn eines reformierten Pfarrers, studierte er in Bern, Berlin (bei Adolf von Harnack), Tübingen und Marburg (bei Wilhelm Herrmann). Seine theologische Heimat war zunächst die liberale Theologie der Wilhelminischen Zeit – bis er 1914 erschrocken feststellen musste, dass 93 deutsche Intellektuelle, darunter fast alle seiner akademischen Lehrer, einen Aufruf zur Unterstützung der Kriegspolitik Wilhelms II. unterzeichnet hatten. Für Barth war das der Bankrott der liberalen Theologie: Sie hatte sich vom Bürgertum vereinnahmen lassen und konnte den Krieg nicht mehr theologisch anfragen.

Von 1911 bis 1921 war Barth Pfarrer im schweizerischen Industriedorf Safenwil, wo er zwischen Predigt und Sozialdemokratie tätig war. 1921 wurde er Professor in Göttingen, dann Münster, Bonn, und nach seiner Vertreibung durch die Nationalsozialisten 1935 in Basel, wo er bis zu seinem Tod lehrte.

Der Römerbrief 1919/1922

Barths theologisches Schlüsselwerk ist sein Kommentar zum Paulusbrief an die Römer, kurz Römerbrief (erste Auflage 1919, vollständig überarbeitete zweite Auflage 1922). Der Bonner Theologe Karl Adam prägte das berühmte Bild: dieses Buch sei „wie eine Bombe auf den Spielplatz der Theologen gefallen“. In seiner Vorrede schreibt Barth den Programmsatz: „Der senkrecht von oben einfallende Strahl der Offenbarung steht zur Welt der Religion wie der Kreis zur Tangente.“ (Barth, Römerbrief, 2. Auflage 1922) Damit ist gemeint: Gottes Offenbarung tritt nicht aus der menschlichen Religion hervor, sondern bricht von außen in sie ein. Sie ist kein Verlängerung“Gottes“ menschlicher Selbsterfahrung, sondern radikales Anderes.

Daher der berühmte Satz: „Gott ist im Himmel, und du auf Erden.“ Religion ist für Barth nicht der Aufstieg des Menschen zu Gott, sondern Gottes Abstieg zu uns – er nennt das die Senkrechte von oben. Gegen Schleiermacher („Religion als Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“) wendet Barth ein: Wenn Gott aus dem religiösen Selbstgefühl des Menschen hergeholt wird, dann hat Feuerbach mit seiner Projektionsthese recht.

Dialektische Theologie

Mit Friedrich Gogarten, Eduard Thurneysen, Emil Brunner und Rudolf Bultmann gründete Barth in den 1920er Jahren die Bewegung der Dialektischen Theologie, die ihre Stimme in der Zeitschrift Zwischen den Zeiten (1922–1933) hatte. Dialektisch heißt: Das Reden von Gott muss im Spannungsfeld von Aussage und Gegenaussage geschehen, weil Gott niemals direkt verfügbar ist. Ja und Nein, Gnade und Gericht, Verborgenheit und Offenbarung – das sind die Pole jedes theologischen Sprechens.

1933 zerbrach die Bewegung über die Frage, wie man der Machtergreifung Hitlers theologisch begegnen sollte. Friedrich Gogarten wechselte zu den „Deutschen Christen“, Brunner wandte sich der natürlichen Theologie zu (was Barth zur scharfen Schrift Nein! Antwort an Emil Brunner, 1934, provozierte), Bultmann zog sich auf die existentiale Hermeneutik zurück.

Barmer Theologische Erklärung 1934

Im Mai 1934 verfasste Barth wesentliche Teile der Barmer Theologischen Erklärung, die das Bekenntnis der Bekennenden Kirche gegen die vereinnahmende NS-Kirche wurde. Die berühmte 1. These – „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes“ (Barmer Erklärung, 1934) – ist im Kern Barths Programm: keine zweite Offenbarungsquelle neben Christus. Damit war jede „Offenbarung“ aus Volk, Blut und Führer theologisch ausgeschlossen.

1935 wurde Barth wegen Verweigerung des unkonditionalen Diensteides auf Hitler aus seinem Bonner Lehrstuhl entlassen und kehrte nach Basel zurück.

Kirchliche Dogmatik

Barths Hauptwerk ist die Kirchliche Dogmatik (KD), die zwischen 1932 und 1967 in vier Bänden mit 13 Teilbänden und insgesamt über 9000 Seiten erschien – und unvollendet blieb. Strukturiert nach Lehre vom Wort Gottes (I), Lehre von Gott (II), Lehre von der Schöpfung (III), Lehre von der Versöhnung (IV) und einem geplanten fünften Band über die Erlösung. Zentral ist Barths These: Es gibt nur einen Ort der Gotteserkenntnis – Jesus Christus. „In Jesus Christus sagt Gott Ja zum Menschen.“ (Barth, KD IV/1) Diese christologische Konzentration macht die Theologie zu einer Theologie der Gnade und des freien Erwählens Gottes.

Wirkung

Barth hat den deutschen und europäischen Protestantismus tiefgreifend geprägt. Seine Schüler – Helmut Gollwitzer, Jürgen Moltmann, Eberhard Jüngel, Eberhard Busch – tragen sein Erbe weiter. Auch in der katholischen Theologie wurde er ernst genommen: Hans Urs von Balthasar widmete ihm das Buch Karl Barth. Darstellung und Deutung seiner Theologie (1951). Papst Pius XII. soll ihn als „den größten Theologen seit Thomas von Aquin“ bezeichnet haben – ein Wort, das wahrscheinlich apokryph ist, aber Barths Statur richtig wiedergibt.

Abitur-Tipp: Lerne die wichtigsten Stichworte: Senkrechte von oben, Römerbrief 1922, Barmer Erklärung 1934, Kirchliche Dogmatik, christologische Konzentration. Verbinde Barth immer mit Bonhoeffer und der Bekennenden Kirche. Für Vergleichsaufgaben ist der Kontrast zu Bultmann (Existentiale Interpretation) hilfreich: Beide reagieren auf dieselbe Krise, gehen aber verschiedene Wege.