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Rudolf Bultmann – Entmythologisierung und existentiale Interpretation

Leben und theologische Heimat

Rudolf Bultmann (1884–1976) war von 1921 bis 1951 Professor für Neues Testament in Marburg. Anders als sein Freund Karl Barth, mit dem er zu Beginn der 1920er die Dialektische Theologie mitbegründete, blieb Bultmann ein historisch-kritischer Bibelwissenschaftler. Sein Lehrer in Marburg war der Religionsphilosoph Wilhelm Herrmann; sein gleichaltriger Marburger Kollege war der Existenzphilosoph Martin Heidegger, dessen Sein und Zeit (1927) Bultmanns spätere Hermeneutik tief geprägt hat.

Bultmann lehnte den Nationalsozialismus klar ab, gehörte zur Bekennenden Kirche, vermied aber den lautstarken politischen Widerstand. Sein Programm war die theologische Aufgabe nach 1918: Wie kann man dem modernen Menschen das Evangelium verkündigen, ohne ihn zur intellektuellen Selbstverleugnung zu zwingen?

Formgeschichtliche Methode

Bultmann ist einer der Väter der formgeschichtlichen Methode der Bibelwissenschaft. In seiner Geschichte der synoptischen Tradition (1921) zerlegte er die Texte der Evangelien in ihre kleinsten Erzähleinheiten (Perikopen) und ordnete sie verschiedenen Gattungen zu: Apophthegmen (Streitgespräche), Wundergeschichten, Logien, Gleichnisse, Legenden. Dahinter stand die These, dass die einzelnen Stücke zunächst mündlich tradiert wurden und ihren Sitz im Leben in der frühen Gemeinde hatten – nicht in der Biographie des historischen Jesus. Damit wurde die Frage nach dem „wahren“ Jesus extrem schwierig: „Vom Leben Jesu wissen wir so gut wie nichts.“ (Bultmann, Jesus, 1926)

Das Programm der Entmythologisierung 1941

Im Sommer 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, hielt Bultmann vor der Gesellschaft für Evangelische Theologie in Frankfurt am Main einen Vortrag, der bis heute die deutschsprachige Theologie aufwühlt: Neues Testament und Mythologie. Sein Anliegen: Das Neue Testament rede in einem mythologischen Weltbild – dreigeschossiges Universum (Himmel oben, Erde mitten, Unterwelt unten), Engel, Dämonen, Wunder, Auferstehung als körperliche Wiederbelebung. Dieses Weltbild sei für den modernen Menschen nicht mehr glaubhaft: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparate benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“ (Bultmann, Neues Testament und Mythologie, 1941)

Doch Bultmann will den Mythos nicht eliminieren, sondern existential interpretieren: Hinter dem mythologischen Bild liegt eine Aussage über das menschliche Selbstverständnis, ein Anruf zur Entscheidung. Die Auferstehung Christi bedeutet nicht ein historisches Ereignis, das man durch Zeugen belegen kann, sondern den existentiellen Anruf, „in das neue Leben“ zu treten. Glaube ist nicht Fürwahrhalten alter Geschichten, sondern eigentliche Existenz in Vertrauen, Offenheit und Hingabe.

Kerygma statt Historie

Bultmanns Schlüsselbegriff ist das Kerygma (griech. = Verkündigung). Nicht der historische Jesus zählt theologisch, sondern die Verkündigung des Christus, die in der Predigt der Gemeinde geschieht. Im Kerygma begegnet der hörende Mensch Christus selbst – nicht als historische Figur der Vergangenheit, sondern als gegenwärtiger Anrufer. Bultmanns Programm fasst er in dem Satz: „Der Gekreuzigte ist der Auferstandene; das Kreuz, das Jesus am Karfreitag erlitten hat, ist heute, im Wort der Verkündigung, das Kreuz, an das wir zu treten gerufen sind.“ (Bultmann)

Kritik und Wirkung

Bultmanns Programm hat heftigen Streit ausgelöst. Karl Barth warf ihm vor, die Theologie philosophisch zu reduzieren und den objektiven Heilshandeln Gottes zu verlieren. Sein Schüler Ernst Käsemann startete 1953 mit dem Vortrag Das Problem des historischen Jesus die New Quest: Wenn das Kerygma vollkommen vom historischen Jesus löst, wird es zur Mythologie zweiter Ordnung. Wolfhart Pannenberg rehabilitierte die historische Frage und argumentierte, dass die Auferstehung als Ereignis historisch zugänglich sei. Dorothee Sölle warf Bultmann politische Folgenlosigkeit vor: Wer Glaube nur als individuellen Existenzakt versteht, blendet die gesellschaftlichen Strukturen der Sünde aus.

Trotz aller Kritik bleibt Bultmann eine unhintergehbare Gestalt der modernen Theologie. Seine hermeneutische Frage – wie das Neue Testament heute verständlich werden kann – ist bis heute aktuell.

Abitur-Tipp: Lerne den Kontrast Barth/Bultmann auswendig: Barth setzt bei Gottes Selbstoffenbarung ein, Bultmann beim modernen Menschen. Die Begriffe Entmythologisierung, existentiale Interpretation, Kerygma, Sitz im Leben sind Pflicht. Das Bultmann-Zitat über Radioapparate und Wunderwelt eignet sich perfekt als Klausurzitat.