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Bonhoeffer – Widerstand und Ergebung, mündige Welt

Dietrich Bonhoeffer 1939
Tegel als theologischer Ort

Am 5. April 1943 wird Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) wegen seiner Beteiligung am Widerstand gegen Hitler verhaftet und in das Berliner Wehrmacht-Untersuchungsgefängnis Tegel eingeliefert. Er wird hier rund 18 Monate bleiben, dann verlegt nach den Reichssicherheitshauptamt-Zellen, ins KZ Buchenwald und schließlich am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg gemeinsam mit Wilhelm Canaris und anderen Verschwörern hingerichtet. In diesen Monaten der Haft entstehen Briefe an seinen Freund und späteren Biographen Eberhard Bethge, an seine Eltern und seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Bethge veröffentlicht die Briefe nach dem Krieg unter dem Titel Widerstand und Ergebung (1951) – eines der theologisch wichtigsten Dokumente des 20. Jahrhunderts.

Mündig gewordene Welt

In den Tegeler Briefen entfaltet Bonhoeffer eine provokante Diagnose der Moderne. Der moderne Mensch sei mündig geworden – er bewahre die Welt nicht mehr durch Gottes Eingreifen, sondern durch eigene Wissenschaft, Technik und Politik. Gott werde nur noch dort gesucht, wo der Mensch nicht weiterkommt: in Krankheit, Tod, Schuld – als Lückenbüßer. Bonhoeffer schreibt am 8. Juni 1944 an Bethge: „Es geht mir darum, dass Gott nicht erst an die Grenzen unserer Möglichkeiten geschoben werden darf, sondern dass er in der Mitte des Lebens erkannt sein will; im Leben und nicht erst im Sterben, in der Gesundheit und Kraft und nicht erst im Leiden, im Tun und nicht erst in der Sünde.“ (Bonhoeffer, Brief vom 30.4.1944)

Daraus folgt sein wohl berühmtester Satz: „Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt, und gerade nur so ist er bei uns und hilft uns. Es ist Mt 8,17 ganz deutlich, dass Christus nicht hilft kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit, seines Leidens.“ (Bonhoeffer, Brief vom 16. Juli 1944)

Religionsloses Christentum

Daraus entwickelt Bonhoeffer den umstrittenen Begriff religionsloses Christentum. Religion ist für ihn ein historisch gewordenes Gewand des Glaubens – geprägt von metaphysischer Spekulation, individualistischer Innerlichkeit, einem Gott der Lücken. Christus dagegen ist nicht der religiöse, sondern der weltliche Christus – der mitten in der mündigen Welt anwesend ist, im Leben für andere. Bonhoeffer fragt: „Wer ist Christus eigentlich für uns heute?“ Diese Frage ist offen geblieben, weil Bonhoeffer keine Zeit hatte, sie systematisch zu entfalten. Sie hat aber die Theologie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – von John A. T. Robinsons Honest to God (1963) bis zu den Befreiungstheologen – tief geprägt.

Kirche für andere

Bonhoeffers Programm einer neuen Ekklesiologie verdichtet sich im Begriff Kirche für andere. In der Skizze Entwurf für eine Arbeit vom August 1944 schreibt er: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Um einen Anfang zu machen, muss sie alles Eigentum den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Gemeinden leben, eventuell einen weltlichen Beruf ausüben.“ (Bonhoeffer, Entwurf, August 1944) Diese Vision einer dienenden, nicht besitzenden, nicht herrschenden Kirche steht in deutlichem Gegensatz zur volkskirchlichen Realität und ist heute – angesichts schrumpfender Mitgliederzahlen und Vertrauensverlust – aktueller denn je.

Verantwortliches Handeln

Bonhoeffers Theologie ist nicht lösbar von seiner Biografie. Wer im Widerstand zu Hitler stand, der musste neu überlegen, ob die christliche Ethik einer reinen Friedensethik (Bergpredigt, Mt 5) den Tyrannen freilassen darf. Bonhoeffer zog die radikale Konsequenz: Es kann Situationen geben, in denen die Schuld der Tat kleiner ist als die Schuld des Nichtstuns. In seiner Schrift Nach zehn Jahren, die er Weihnachten 1942 als Bilanz für seine Mitverschwörer schrieb, heißt es: „Wir sind stumme Zeugen böser Taten geworden, wir haben viele Wässer durchlitten und die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt; wir sind durch die Erfahrung dem Menschen misstrauisch geworden und mussten ihm oft Wahrheit und freies Wort schuldig bleiben; wir sind durch unerträgliche Konflikte zermerbe oder vielleicht zynisch geworden – sind wir noch brauchbar?“ (Bonhoeffer, Nach zehn Jahren, 1942)

Vermächtnis

Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 hingerichtet, knapp einen Monat vor dem Ende des Dritten Reiches. Sein letztes überliefertes Wort: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“ (Bonhoeffer, 8. April 1945) Heute zählt er zu den bekanntesten und meistgelesenen Theologen des 20. Jahrhunderts – gleichermaßen in der katholischen, orthodoxen und protestantischen Ökumene. Die Westminster Abbey in London nahm ihn 1998 in die Reihe der Märtyrer des 20. Jahrhunderts auf, deren Statuen die Westfassade schmücken.

Abitur-Tipp: Lerne die Schlüsselbegriffe mündige Welt, Lückenbüßer-Gott, religionsloses Christentum, Kirche für andere. Das Brief-Zitat „Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz“ ist Pflicht. Verbinde Bonhoeffer mit Sölle (mitleidender Gott) und mit der Theodizee-Diskussion: Beide reagieren auf die Auschwitz-Erfahrung und denken Gott neu vom Kreuz her.