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Religiöse Sprache und Symbole – Tillich und Ricoeur

Das Problem religiöser Rede

Wer von Gott spricht, gerät in eine sprachliche Verlegenheit: Gott ist kein Gegenstand neben anderen Gegenständen in der Welt, sondern – in der klassischen Formel – ihr Grund und Abgrund. Daher können die gewöhnlichen Mittel begrifflicher Sprache (Definition, Beschreibung, Beweis) Gott nicht erfassen. Schon Thomas von Aquin sprach in der Summa theologiae (I, q. 13) von der Analogie: Gottesaussagen sind weder rein gleichbedeutend (univok) noch rein verschieden (äquivok), sondern analog – sie zeigen auf, ohne festzulegen. Im 20. Jahrhundert haben vor allem zwei Denker dieses Problem neu aufgenommen: Paul Tillich und Paul Ricoeur.

Paul Tillich – Symbol und letzte Angelegenheit

Paul Tillich (1886–1965), deutsch-amerikanischer Theologe, lehrte nach seiner Vertreibung 1933 in New York (Union Theological Seminary), dann in Harvard und Chicago. Sein Hauptwerk ist die dreibändige Systematic Theology (1951–1963). Tillichs Schlüsselbegriff ist das Symbol. Er unterscheidet streng zwischen Zeichen und Symbol: Ein Zeichen verweist konventionell auf etwas anderes (rotes Licht = halt!), ein Symbol dagegen partizipiert an dem, was es bezeichnet, und macht Realität zugänglich, die anders nicht zugänglich wäre (die Fahne „ist“ nicht das Vaterland, aber sie macht es präsent).

Tillich schreibt: „Religiöse Symbole öffnen Tiefendimensionen der Wirklichkeit, die uns sonst verborgen blieben, und sie öffnen entsprechende Tiefen unserer Seele, die nur so eine Antwort auf jene Tiefen der Wirklichkeit finden können.“ (Tillich, Dynamik des Glaubens, 1957) Daraus folgt: Wer biblische Aussagen wörtlich nimmt (Fundamentalismus), zerstört das Symbol; wer sie gar nicht ernst nimmt (Reduktionismus), übersieht ihre Tiefendimension. Das berühmteste Tillich-Wort lautet daher: „Das Gegenteil von Glaube ist nicht Zweifel, sondern Sicherheit.“ – und konsequent: „Der Glaube ist der Zustand des Ergriffenseins von dem, was uns unbedingt angeht.“ (Tillich, Dynamik des Glaubens, 1957)

Mit dem Begriff letzte Angelegenheit (engl. ultimate concern) definiert Tillich Religion neu: Religion ist nicht eine Sparte neben anderen, sondern die Tiefendimension aller menschlichen Existenz. Wo immer ein Mensch von etwas ergriffen ist, was ihn unbedingt angeht, dort ist religiöse Erfahrung – auch wenn sie sich als atheistisch beschreibt. Gott ist für Tillich nicht ein Wesen unter anderen, sondern der Grund des Seins (ground of being): „Gott existiert nicht. Er ist das Sein selbst, jenseits von Wesen und Existenz.“ (Tillich, Systematic Theology I, 1951)

Paul Ricoeur – Hermeneutik des Verdachts und Hermeneutik des Vertrauens

Der französische reformierte Philosoph Paul Ricoeur (1913–2005) hat die hermeneutische Tradition (Schleiermacher, Dilthey, Heidegger, Gadamer) im 20. Jahrhundert auf religiöse Texte angewendet. In seinem Werk Le conflit des interprétations (1969) und La métaphore vive (1975) entwickelt er eine Theorie der religiösen Sprache, die sich gegen einen vorschnellen Symbolismus, aber auch gegen einen vorschnellen Reduktionismus wendet.

Ricoeurs zentrale Unterscheidung lautet Hermeneutik des Verdachts (Marx, Nietzsche, Freud) versus Hermeneutik des Vertrauens (oder seconde naiveté – zweite Naivität). Wer religiöse Texte heute lesen will, kann nicht hinter die Aufklärung und ihre Verdachtshermeneutik zurück. Aber er kann durch sie hindurch zu einer zweiten Naivität kommen, in der er die Texte wieder ernst nimmt – nicht naiv, sondern reflektiert. Ricoeurs berühmter Satz: „Jenseits der Wüste der Kritik wollen wir wieder gerufen sein.“ (Ricoeur, De l’interprétation, 1965)

Sein zweiter wichtiger Beitrag ist die Symboltheorie: „Das Symbol gibt zu denken.“ (Ricoeur, La symbolique du mal, 1960) Symbole sind nicht weniger, sondern mehr als Begriffe – sie schenken Bedeutungsüberschüsse, die sich nie ganz in Begriffe übersetzen lassen. Für die christliche Theologie ist das Programm: nicht Mythos und Symbol entlarven, sondern sie philosophisch durchdenken und in ihrer offenbarenden Kraft neu zur Sprache bringen.

Metapher und Gleichnis

Beide Autoren haben die Bedeutung der Metapher für religiöse Sprache betont. Eine lebendige Metapher ist nicht ein bloss kosmetischer Schmuck, sondern eine Erkenntnisleistung, die zwei Bereiche zusammenbringt, die normalerweise auseinander stehen. Wenn das Reich Gottes mit einem Senfkorn (Mk 4,30–32) oder einem Sauerteig (Mt 13,33) verglichen wird, dann lässt sich diese Aussage nicht ohne Verlust in Begriffe übersetzen. Die Gleichnisse Jesu sind Metapherngeschichten, die den Hörer in eine neue Wirklichkeit hineinziehen. Eberhard Jüngel hat in Metaphorische Wahrheit (1974) gezeigt, dass die theologische Rede von Gott prinzipiell metaphorisch ist – nicht weil sie ungenau, sondern weil sie genauer ist als jede Definition.

Konsequenzen für heute

Tillich und Ricoeur haben das Verständnis religiöser Sprache grundlegend verändert. Drei Konsequenzen: Erstens, religiöse Aussagen sind nicht primitive Vorläufer wissenschaftlicher Aussagen, die durch sie ersetzt werden können. Zweitens, religiöse Sprache hat ihre eigene Wahrheit – nämlich die Tiefendimension menschlicher Existenz zu erschließen. Drittens, der Streit zwischen Glauben und Unglauben ist heute weniger ein Streit um Faktenaussagen als ein Streit um die Sprache, in der wir Erfahrungen artikulieren können.

Abitur-Tipp: Lerne Tillichs Definition von Religion (letzte Angelegenheit, ultimate concern) und seinen Begriff vom Grund des Seins. Das Tillich-Zitat „Das Gegenteil von Glaube ist nicht Zweifel, sondern Sicherheit“ ist Klausurklassiker. Bei Ricoeur sind die Begriffe Hermeneutik des Verdachts und zweite Naivität Pflicht. Wenn dir ein Text mit Symbolen oder Metaphern vorgelegt wird, kannst du Tillich und Ricoeur als Werkzeuge nutzen.