Nach Jahrhunderten der Dominanz von Pflicht- und Konsequentialismusethik kehrte die Tugendethik seit den 1950er Jahren in die akademische Philosophie zurück. Der Startschuss war Elizabeth Anscombes Aufsatz „Modern Moral Philosophy“ (1958), in dem sie der modernen Ethik vorwarf, einen leeren Pflichtbegriff ohne den theologischen Hintergrund weiterzutragen. Die einflussreichsten modernen Tugendethiker sind Alasdair MacIntyre (geb. 1929) und Martha C. Nussbaum (geb. 1947).
MacIntyres Hauptwerk After Virtue (1981) eröffnet mit einem berühmten Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, die Naturwissenschaften würden zerstört und nur Bruchstücke bleiben übrig. Die Menschen müssten dann mit „Neutron“ und „Atomgewicht“ ohne ihren Erklärungsrahmen umgehen – und würden den Sinn dieser Begriffe verlieren. Genau dies ist nach MacIntyre mit der modernen Moralsprache geschehen: Begriffe wie Pflicht, Tugend, Recht sind aus ihrem aristotelischen Sinnkontext gelöst und haben ihre Verbindlichkeit verloren.
MacIntyre nennt diesen Zustand Emotivismus: Moralische Urteile sind nur noch Ausdruck persönlicher Vorlieben, nicht mehr rational begründbare Wahrheiten. „Was wir besitzen, sind – wenn diese Sicht stimmt – in der Tat Bruchstücke eines begrifflichen Systems, Teile, die jetzt ihres Zusammenhangs beraubt sind, aus dem sie ihre Bedeutung erhielten.“ Die Folge ist eine Kultur des moralischen Streits ohne Aussicht auf Verständigung. Der moderne Mensch wird zwischen drei Charaktermasken hin- und hergerissen: dem Therapeuten, dem Manager und dem „reichen Ästheten“.
MacIntyres positive Antwort baut auf drei Begriffen auf:
• Praxis: Eine sozial etablierte, kohärente menschliche Tätigkeit (z.B. Schach, Medizin, Musik) hat innere Güter, die nur durch ihre tugendhafte Ausübung erreicht werden können.
• Narrative Einheit des Lebens: Ein menschliches Leben muss als Erzählung von Geburt bis Tod verstanden werden. Tugenden sind das, was uns hilft, diese Erzählung gut zu vollenden.
• Tradition: Tugenden existieren nicht im luftleeren Raum, sondern in lebendigen Traditionen (Aristotelismus, Christentum, Aufklärung).
MacIntyres berühmter Schlusssatz: „We are waiting not for a Godot, but for another – doubtless very different – St. Benedict.“ Wir brauchen kleine Gemeinschaften, in denen die Tugendpraxis überleben kann.
Martha Craven Nussbaum (geb. 1947) verbindet die aristotelische Tradition mit moderner liberaler Theorie. In Werken wie The Fragility of Goodness (1986), Women and Human Development (2000) und Frontiers of Justice (2006) entwickelt sie eine universalistische Tugendethik, die zugleich auf Geschlechtergerechtigkeit, Behinderung und Tiere ausgreift.
Ihr Schlüsselbegriff ist die Capability – was ein Mensch tun und sein kann. Eine gerechte Gesellschaft sichert nicht nur Ressourcen (gegen Rawls), sondern reale Fähigkeiten zur menschlichen Entfaltung.
Nussbaum hat eine offene Liste von zehn zentralen menschlichen Fähigkeiten formuliert, die jede gerechte Gesellschaft garantieren muss:
1. Leben (life)
2. Körperliche Gesundheit (bodily health)
3. Körperliche Integrität (bodily integrity)
4. Sinne, Vorstellungskraft und Denken
5. Gefühle
6. Praktische Vernunft
7. Zugehörigkeit (affiliation)
8. Andere Spezies
9. Spiel
10. Kontrolle über die eigene Umwelt (politisch und materiell)
Diese Liste ist nicht abgeschlossen und kulturoffen, aber Nussbaum besteht: Wer nur eine dieser Fähigkeiten aus eigener Kraft nicht ausüben kann, lebt unter dem „Schwellenwert eines menschenwürdigen Lebens“.
Nussbaum kritisiert Rawls in Frontiers of Justice (2006) für drei blinde Flecken: Behinderung, internationale Gerechtigkeit und Tiere. Vertragstheorien gehen von gleichberechtigten, wechselseitig nützlichen Partnern aus – das schließt alle aus, die nichts „einbringen“ können. Der Capability Approach geht stattdessen von einer aristotelischen Vorstellung des Menschen als politisches und soziales Wesen mit Bedürfnis nach Entfaltung aus.
Nussbaum versteht die zentralen menschlichen Tugenden nicht als kulturrelativ, sondern als universale Antworten auf generische menschliche Erfahrungen: Furcht ruft Tapferkeit hervor, Körpergenuss erfordert Mäßigung, Verteilungsfragen erfordern Gerechtigkeit, Endlichkeit erfordert Hoffnung. Diese These nennt sie thin version of the good – eine dünne, aber universale Konzeption des gelingenden Lebens.
Den Anstoß zur Renaissance der Tugendethik gab Elizabeth Anscombe (1919–2001), eine Schülerin Wittgensteins und katholische Philosophin in Cambridge. In ihrem Aufsatz „Modern Moral Philosophy“ (1958) griff sie die gesamte moderne Ethik an: Begriffe wie moral obligation oder moral duty seien Reste eines theologischen Weltbildes, die ohne ihren ursprünglichen Gesetzgeber (Gott) sinnlos geworden seien. Wer Pflicht sage, ohne Gott zu meinen, rede leer. Anscombes Vorschlag: Statt über Pflichten zu streiten, sollten wir über Charakter, Tugend und das Gute reden – in einem aristotelischen Vokabular. Anscombes Aufsatz war der Zündfunke einer Bewegung, die in Philippa Foot, Rosalind Hursthouse, Bernard Williams, MacIntyre und Nussbaum ihre wichtigsten Vertreter fand.
Die moderne Tugendethik wirkt besonders stark in der Medizinethik. Pellegrino und Thomasma (The Virtues in Medical Practice, 1993) argumentieren, dass ärztliches Handeln nicht durch Regeln allein zu fassen sei – es brauche tugendhafte Ärzte: Fürsorge (compassion), praktische Klugheit (phronesis), Treue zur Wahrheit, Bescheidenheit. Auch Nussbaum hat in Hiding from Humanity (2004) untersucht, wie Scham und Ekel medizinethische Urteile beeinflussen. Im deutschsprachigen Raum hat Giovanni Maio (Freiburg) eine an Aristoteles und Nussbaum orientierte Medizinethik entwickelt, die der pflichtethischen Tradition Beauchamps und Childress' eine charakterzentrierte Position entgegenstellt.
An MacIntyre: Sein Aristotelismus-Reanimationsversuch sei nostalgisch und antimodern. Liberale (Charles Larmore) werfen ihm vor, religiöse Tradition gegen pluralistische Vernunft auszuspielen.
An Nussbaum: Wer entscheidet über die Liste der Fähigkeiten? Krituker (z.B. Susan Moller Okin) sehen darin trotz Universalismusanspruch eine westlich-liberale Setzung. Andere bemängeln die Vagheit der Liste.
Zusammenfassung:
• Anscombe (1958): Startschuss zur Rückkehr der Tugendethik
• MacIntyre, After Virtue (1981): Diagnose Emotivismus, Praxis-Tradition-Erzählung
• Nussbaum: Capability Approach, Liste zentraler menschlicher Fähigkeiten
• Beide knüpfen an Aristoteles an, gehen aber moderne Wege
• Kritik: Nostalgie (MacIntyre), kulturelle Setzung (Nussbaum)
Abitur-Tipp: Im Ethik-Abitur sind MacIntyre und Nussbaum die modernen Brücken zur Antike. Lerne MacIntyres Diagnose des Emotivismus mit dem Bild der zerstörten Naturwissenschaft. Bei Nussbaum solltest du mindestens fünf der zehn Fähigkeiten nennen können. Wenn ein Klausurtext über Inklusion, Behinderung oder Geschlechtergerechtigkeit handelt, ist Nussbaums Capability Approach dein Trumpf.