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John Rawls: Theorie der Gerechtigkeit

Das Hauptwerk – A Theory of Justice (1971)

John Rawls (1921–2002) ist der wohl wichtigste politische Philosoph des 20. Jahrhunderts. Sein Hauptwerk A Theory of Justice (1971; deutsch: Eine Theorie der Gerechtigkeit, 1975) revitalisierte die normative politische Philosophie nach Jahrzehnten utilitaristischer und positivistischer Dominanz. Rawls' berühmter Eingangssatz: „Justice is the first virtue of social institutions, as truth is of systems of thought.“ Gerechtigkeit ist die erste Tugend gesellschaftlicher Einrichtungen.

Der Urzustand und der Schleier des Nichtwissens

Rawls erneuert die Vertragstheorie (Hobbes, Locke, Rousseau, Kant) durch ein hypothetisches Gedankenexperiment: den Urzustand (original position). In diesem Gedankenexperiment versammeln sich freie und vernünftige Menschen, um die Grundprinzipien der Gerechtigkeit zu wählen, die ihre zukünftige Gesellschaft regieren sollen.

Das entscheidende Element ist der Schleier des Nichtwissens (veil of ignorance): Die Vertragspartner wissen nicht, wer sie in der wirklichen Gesellschaft sein werden. Sie kennen ihr Geschlecht nicht, ihre Klasse, ihre Talente, ihren Beruf, ihre Religion, ihr Alter. Sie wissen nur, dass sie selbst Interesse an einem guten Leben haben. Aus dieser künstlichen Unwissenheit folgt automatisch Fairness: Wer nicht weiß, ob er reich oder arm sein wird, wählt keine Regeln, die Arme benachteiligen.

Die zwei Grundsätze der Gerechtigkeit

Rawls argumentiert, dass die Vertragspartner im Urzustand zwei Grundsätze wählen würden:

Erster Grundsatz (Freiheitsprinzip): „Jede Person hat das gleiche Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten, das mit dem gleichen System für alle vereinbar ist.“ Zu den Grundfreiheiten zählen: Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit, politische Mitwirkung, Schutz vor willkürlicher Verhaftung.

Zweiter Grundsatz: Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind nur dann gerecht, wenn sie

(a) Differenzprinzip: „den am wenigsten Begünstigten den größten Vorteil bringen“, und
(b) Chancengleichheitsprinzip: mit Ämtern und Positionen verbunden sind, die „allen unter Bedingungen fairer Chancengleichheit offen stehen“.

Die lexikalische Ordnung

Rawls bestimmt eine strikte lexikalische Ordnung (auch „serielle Ordnung“) der Prinzipien:

1. Das Freiheitsprinzip hat absoluten Vorrang vor dem zweiten Grundsatz.
2. Innerhalb des zweiten Grundsatzes hat die faire Chancengleichheit Vorrang vor dem Differenzprinzip.

Das heißt: Grundfreiheiten dürfen niemals gegen wirtschaftliche Vorteile eingetauscht werden – auch nicht, wenn dadurch das Wohl der Ärmsten steigen würde. Diese Hierarchie ist Rawls' explizite Antwort auf den Utilitarismus, der individuelle Rechte gegen kollektives Glück verrechnet.

Das Maximin-Argument

Warum wählen die Vertragspartner gerade das Differenzprinzip? Rawls argumentiert mit der entscheidungstheoretischen Maximin-Regel: Wer unter Unsicherheit entscheidet (er weiß nicht, in welcher Position er landet), maximiert das schlechtest mögliche Ergebnis. Stell dir vor, du musst eine Gesellschaftsordnung wählen, ohne zu wissen, wo du landen wirst – rationale Vorsicht lässt dich die Position der Schlechtest-Gestellten so gut wie möglich sichern.

Überlegungsgleichgewicht

Rawls' Methode ist das überlegte Urteil im Gleichgewicht (reflective equilibrium). Wir bewegen uns zwischen unseren intuitiven Gerechtigkeitsurteilen (z.B. „Sklaverei ist falsch“) und den theoretischen Prinzipien hin und her, bis beide miteinander im Einklang stehen. Theorie und Intuition korrigieren sich wechselseitig.

Politischer Liberalismus

In Political Liberalism (1993) reagiert Rawls auf die Kritik, seine Theorie sei zu metaphysisch. Er entwickelt nun einen politischen Liberalismus, der nur einen überlappenden Konsens (overlapping consensus) zwischen verschiedenen umfassenden Lehren (religiös, philosophisch, weltanschaulich) sucht. Gerechtigkeit wird nicht aus einer Wahrheit abgeleitet, sondern aus dem, was alle vernünftigen Bürger akzeptieren können.

Primary Goods und institutionelle Gerechtigkeit

Rawls definiert eine Liste von primären Gütern (primary goods), die vernünftige Personen unabhängig von ihren Lebensplänen wollen: Rechte, Freiheiten, Möglichkeiten, Einkommen, Vermögen und die soziale Basis der Selbstachtung. Diese Güter sind das, was die Vertragspartner im Urzustand verteilen wollen. Wichtig: Rawls geht es um institutionelle Gerechtigkeit – die Gerechtigkeit der gesellschaftlichen Grundstruktur (Verfassung, Wirtschaftsordnung, Familie). Er beschreibt nicht, wie sich Einzelne im Alltag verhalten sollen, sondern wie eine gerechte Grundordnung beschaffen sein muss. Rawls schreibt: „The primary subject of justice is the basic structure of society, or more exactly, the way in which the major social institutions distribute fundamental rights and duties.“

Vier Stadien der Anwendung

Wie kommt man von den abstrakten Prinzipien zur konkreten Politik? Rawls schlägt einen vierstufigen Anwendungsprozess vor:

1. Urzustand: Wahl der zwei Gerechtigkeitsgrundsätze hinter dem Schleier des Nichtwissens.
2. Verfassungsstadium: Anwendung des ersten Grundsatzes auf die politische Verfassung; einige Informationen werden zugänglich (Größe, Bevölkerung).
3. Gesetzgebungsstadium: Anwendung des zweiten Grundsatzes auf konkrete Sozialgesetze; mehr empirisches Wissen wird zugelassen.
4. Anwendungsstadium: Richter und Verwaltung wenden die Gesetze auf Einzelfälle an – vollständiges Wissen ist erlaubt.

Der Schleier des Nichtwissens wird also schrittweise gelüftet. Diese Stufung ermöglicht es, abstrakte Prinzipien in der politischen Praxis fruchtbar zu machen.

Kritik

1. Robert Nozick (Anarchy, State, and Utopia, 1974) wirft Rawls vor, das Differenzprinzip verletze individuelle Eigentumsrechte. Wer durch Talent und Arbeit verdient, schulde nichts den schlechter Gestellten.

2. Kommunitaristen (Sandel, MacIntyre, Walzer): Der „ungebundene Selbst“ im Urzustand ist eine Fiktion. Reale Menschen sind in Gemeinschaften eingebettet.

3. Capability Approach (Sen, Nussbaum): Rawls' Fixierung auf primary goods ignoriert, dass Menschen Ressourcen sehr unterschiedlich in Lebenschancen umsetzen können.

4. Feministische Kritik (Susan Okin, Justice, Gender, and the Family, 1989): Rawls bedenkt die Familie nicht als Ort von Gerechtigkeitsfragen.

Bedeutung

Rawls hat die politische Philosophie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts neu definiert. Sein Differenzprinzip prägt sozialdemokratische Theorien, die Idee der fair equality of opportunity ist Maßstab für Bildungsgerechtigkeit, der „Schleier des Nichtwissens“ ist als Begriff in den Alltag der politischen Diskussion eingegangen.

Zusammenfassung:

• John Rawls (1921–2002), A Theory of Justice (1971)
• Urzustand (original position) + Schleier des Nichtwissens
• 1. Grundsatz: gleiche Grundfreiheiten für alle
• 2. Grundsatz: Differenzprinzip + faire Chancengleichheit
• Lexikalische Ordnung: Freiheit hat absoluten Vorrang
• Maximin-Regel als entscheidungstheoretisches Rückgrat
Political Liberalism (1993): überlappender Konsens

Abitur-Tipp: Rawls ist der moderne Klassiker der Gerechtigkeitstheorie. Lerne die zwei Grundsätze wörtlich, das Differenzprinzip auf Englisch und Deutsch. Im Klausurvergleich Rawls vs. Nozick: Rawls = soziale Gerechtigkeit, Nozick = libertäre Eigentumsrechte. Bei Bildungstexten passt Rawls' fair equality of opportunity immer.