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Amartya Sen: Capability Approach

Amartya Sen, Wirtschafts-Nobelpreis 1998
Wer ist Amartya Sen?

Amartya Sen (geb. 1933 in Bengalen) ist Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph. 1998 erhielt er den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomik und Hungerforschung. Sen wurde als Kind Zeuge der Bengalen-Hungersnot 1943, in der etwa drei Millionen Menschen starben – eine prägende Erfahrung, die seine spätere Forschung über Armut und Gerechtigkeit motivierte. Seine wichtigsten Werke: Inequality Reexamined (1992), Development as Freedom (1999), The Idea of Justice (2009).

Die Grundidee – Verwirklichungschancen

Sens zentrales Konzept ist die Capability (Verwirklichungschance, Fähigkeit). Die entscheidende Frage der Gerechtigkeit ist nicht: Wie viel Geld hat jemand? oder Wie zufrieden ist jemand?, sondern: Was kann eine Person tatsächlich tun und sein? Sen unterscheidet:

Functionings (Funktionsweisen): die Dinge, die ein Mensch tatsächlich tut oder ist (essen, lesen, gesund sein, am politischen Leben teilnehmen).
Capabilities (Verwirklichungschancen): die realen Freiheiten, diese Funktionen zu wählen.

Beispiel: Ein hungernder Bettler und ein fastender Mönch haben beide den gleichen leeren Magen (gleiches functioning) – aber der Mönch hat die capability, jederzeit zu essen, während der Bettler diese Wahl nicht hat. Gerechtigkeit zielt auf reale Wahlfreiheit.

Kritik am Utilitarismus

Der Utilitarismus misst Gerechtigkeit am subjektiven Nutzen. Sen kritisiert dies scharf: Adaptive Präferenzen verzerren das Bild. Wer in Armut aufwachst, lernt, seine Erwartungen herabzusetzen. Indische Hausfrauen oder schikanierte Sklaven können subjektiv „zufrieden“ sein – weil sie nichts anderes kennen. Ein Gerechtigkeitskriterium, das sich nur auf empfundenes Glück stützt, segnet so Unterdrückung ab. Der Capability Approach blickt dagegen auf objektiv vorhandene Lebenschancen.

Kritik an Rawls

Sen schätzt Rawls hoch, weist aber auf eine entscheidende Schwäche hin: Rawls' Verteilungsmaßstab sind primary goods (Einkommen, Vermögen, Selbstachtung). Aber Menschen sind verschieden: Eine schwangere Frau, ein Diabetiker, eine Behinderte benötigen mehr Ressourcen, um die gleiche Lebensführung zu erreichen. Sen schreibt in Inequality Reexamined (1992): „A focus on primary goods sees the means while ignoring the ends.“ Die richtige Frage ist nicht, wie viel jemand hat, sondern was er damit anfangen kann.

Idea of Justice (2009) – Komparative statt ideale Gerechtigkeit

In The Idea of Justice (2009) wendet sich Sen gegen die transzendentale Methode Rawls' und der Vertragstheorie. Es nutzt nichts, eine perfekt gerechte Gesellschaft zu entwerfen – wir müssen wirkliche Ungerechtigkeiten in der Welt vergleichen und reduzieren. Sen unterscheidet:

Niti (transzendentale Gerechtigkeit): die Frage nach der idealen Ordnung.
Nyaya (komparative Gerechtigkeit): die Frage nach realen Verbesserungen.

Beispiel: Wenn drei Kinder um eine Flöte streiten (das eine kann sie spielen, das andere hat sie gemacht, das dritte hat keine andere Spielzeug), gibt es keine eindeutige „richtige“ Lösung – aber es gibt mehrere vernünftige Antworten. Gerechtigkeit muss mit pluralen, oft widerstreitenden Kriterien arbeiten.

Demokratie und Hunger

Sens empirischste These: „No famine has ever taken place in the history of the world in a functioning democracy.“ Hungersnöte entstehen nicht durch absolute Nahrungsknappheit, sondern durch fehlende politische Mechanismen, die Regierende zur Verantwortung ziehen. In Demokratien zwingt die freie Presse, freie Wahlen und Opposition die Regierung zum Handeln. Hieraus folgt: Politische Freiheit ist nicht Luxus, sondern konstitutiver Bestandteil von Entwicklung.

Sens Erweiterung – Development as Freedom (1999)

In Development as Freedom (1999) führt Sen fünf Arten von Freiheit an, die zugleich Mittel und Ziel der Entwicklung sind:

1. Politische Freiheiten
2. Ökonomische Einrichtungen (Märkte, Arbeit, Kredit)
3. Soziale Chancen (Bildung, Gesundheit)
4. Transparenzgarantien (Vertrauen, gegen Korruption)
5. Soziale Sicherheit

Diese fünf wirken zusammen: Bildung ermöglicht Erwerbsarbeit, Demokratie ermöglicht Hungerschutz, Markt ermöglicht Bildung. Der Mensch erhält nicht Freiheit als Folge der Entwicklung – Freiheit ist Entwicklung.

Differenz zu Nussbaum

Anders als Martha Nussbaum (die mit ihm den Capability Approach entwickelte) lehnt Sen es ab, eine geschlossene Liste der zentralen Capabilities festzulegen. Welche Capabilities relevant sind, müsse jede Gesellschaft selbst diskursiv klären. Sens Ansatz ist liberaler und prozeduraler, Nussbaums substantieller und universalistischer.

Bedeutung

Der Capability Approach hat weltweite Wirkung entfaltet:

• UN-Human Development Index (HDI, seit 1990) misst Entwicklung nicht nur am BIP, sondern an Lebenserwartung, Bildung und Einkommen.
Multidimensional Poverty Index (Sabina Alkire, 2010) operationalisiert Sens Idee.
• In der EU wird der Ansatz für Sozialberichterstattung genutzt.
• In der Klimaethik (Henry Shue) wird er auf künftige Generationen angewandt.

Kritik

1. Operationalisierung: Wie misst man Capabilities? Welche zählen?
2. Liberale Voraussetzungen: Sen setzt Wahlfreiheit voraus – aber was ist mit Kindern, Demenzkranken, Tieren?
3. Ressourcen vs. Fähigkeiten: Pogge wirft Sen vor, die internationale Rolle reicher Staaten unterzubelichten.

Zusammenfassung:

• Amartya Sen, Wirtschaftsnobelpreis 1998
• Capability Approach: reale Verwirklichungschancen statt Güter oder Nutzen
• Functionings vs. Capabilities (Mönch vs. Bettler)
• Kritik am Utilitarismus: adaptive Präferenzen
• Kritik an Rawls: primary goods verfehlen die Vielfalt der Bedürfnisse
• Niti vs. Nyaya: komparative Gerechtigkeit (Idea of Justice, 2009)
• Hunger ist Demokratiefrage

Abitur-Tipp: Sen ist der Synthese-Denker zwischen Rawls und der Tugendethik. Lerne den Mönch-Bettler-Vergleich als anschauliches Beispiel. Bei Texten zu Armut, Bildung, Behinderung oder Klimagerechtigkeit ist Sen dein erster Griff. Im Vergleich Rawls/Sen pointiere: Rawls fragt nach Ressourcen, Sen nach realen Fähigkeiten. Das Demokratie-Hunger-Zitat ist ein starker Klausurabschluss.