Thomas Hobbes (1588–1679) gilt als Begründer der modernen politischen Philosophie. Er erlebte den Englischen Bürgerkrieg (1642–1651), den Dreißigjährigen Krieg auf dem Kontinent (1618–1648) und die Hinrichtung König Karls I. (1649). Diese Erfahrung des chaotischen Untergangs jeder Ordnung prägte sein Denken: Das höchste politische Gut ist Sicherheit, das größte Übel ist der Bürgerkrieg. Sein Hauptwerk, der Leviathan, or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiasticall and Civil, erschien 1651 in London.
Hobbes' Ausgangspunkt ist der Naturzustand (state of nature) – ein hypothetischer Zustand ohne staatliche Gewalt. In diesem Zustand sind alle Menschen gleich: Auch der Schwächste kann den Stärksten im Schlaf töten. Aus dieser Gleichheit folgt aber nicht Frieden, sondern Krieg. Drei Ursachen treiben die Menschen in den Konflikt:
1. Konkurrenz (um Ressourcen)
2. Misstrauen (Präventivschläge)
3. Ruhmsucht (Ehre, Anerkennung)
Hobbes' berühmteste Formel: „bellum omnium contra omnes“ – Krieg aller gegen alle (De Cive, 1642). Das Leben im Naturzustand schildert er in einer Passage, die Weltliteratur geworden ist: „In such condition, there is no place for industry; because the fruit thereof is uncertain: and consequently no culture of the earth; no navigation, nor use of the commodities that may be imported by sea; no commodious building; no instruments of moving and removing such things as require much force; no knowledge of the face of the earth; no account of time; no arts; no letters; no society; and which is worst of all, continual fear, and danger of violent death; and the life of man, solitary, poor, nasty, brutish, and short.“
Hobbes fügt hinzu: „Homo homini lupus“ – der Mensch ist dem Menschen ein Wolf (De Cive, Widmung).
Im Naturzustand hat jeder ein natural right auf alles – sogar auf den Leib des anderen. Dieses Recht (jus naturale) ist grenzenlos, aber wertlos, weil niemand durchsetzen kann. Daneben gibt es Naturgesetze (leges naturales), die die Vernunft entdeckt:
1. Erstes Naturgesetz: Suche Frieden, wenn er erreichbar ist.
2. Zweites Naturgesetz: Sei bereit, einen Teil deiner Rechte aufzugeben, wenn andere dasselbe tun.
3. Drittes Naturgesetz: Halte deine Verträge ein.
Aus diesen Gesetzen folgt der Gesellschaftsvertrag: Alle übertragen ihre Rechte auf einen einzigen Souverän – den Leviathan.
Der Name Leviathan stammt aus dem Buch Hiob: das gewaltige Seeungeheuer, gegen das niemand bestehen kann. Hobbes bezeichnet den Staat als „mortal god“ – sterblicher Gott, dem wir „next under the immortal God, our peace and defence“ verdanken. Der Souverän hat absolute Macht:
• Er macht die Gesetze.
• Er entscheidet über Krieg und Frieden.
• Er bestimmt über Religion und Lehre.
• Er kann nicht gerichtlich belangt werden.
Der berühmte Frontispiz der Erstausgabe zeigt einen Riesen, dessen Leib aus den Körpern unzähliger Untertanen besteht – ein Bild der Verschmelzung aller Einzelnen im Souverän.
Hobbes' Souverän ist nicht ganz unbeschränkt. Es gibt einen unverlierbaren Restbestand von Rechten, weil der Vertrag zur Selbsterhaltung geschlossen wurde:
• Niemand kann verpflichtet werden, sich selbst zu töten.
• Niemand kann verpflichtet werden, sich anzuklagen.
• Schlägt der Staat in seiner Schutzfunktion fehl, erlischt die Gehorsamspflicht (protectio trahit subjectionem).
Hobbes ist Materialist: Er erklärt den Menschen als komplexen mechanischen Apparat („What is the heart, but a spring; and the nerves, but so many strings?“). Begehren und Abscheu treiben ihn. Es gibt kein summum bonum (höchstes Gut), wohl aber ein summum malum (höchstes Übel) – den gewaltsamen Tod. Aus dieser pessimistischen Anthropologie folgt die Notwendigkeit eines starken Staates.
Hobbes ist Pionier des modernen Vertragsdenkens – auf ihm bauen Locke, Rousseau, Kant und später Rawls auf. Zugleich ist er der prominenteste Vertreter des autoritären Liberalismus: Er begründet den Staat aus der Freiheit der Einzelnen, lässt aber kaum Spielraum für individuelle Rechte gegen den Staat.
Kritik:
• Locke (Two Treatises, 1689): Hobbes' Naturzustand sei zu düster, sein Souverän zu mächtig.
• Rousseau: Der Naturzustand sei in Wahrheit friedlich gewesen; erst die Zivilisation bringe Ungleichheit.
• Hannah Arendt: Hobbes liefere die intellektuelle Grundlage für autoritäre und totalitäre Regime.
• Carl Schmitt: nutzt Hobbes affirmativ für die Idee absoluter staatlicher Souveränität (Der Leviathan in der Staatslehre des Thomas Hobbes, 1938).
Aktuell wird Hobbes wiederentdeckt – in Debatten um failed states, Bürgerkrieg, Terrorismusabwehr, Pandemiebekämpfung. Auch in der Spieltheorie und der Klimadebatte taucht das Hobbessche Problem auf: Wie verlassen kollektive Akteure ein Gefangenendilemma ohne übergeordnete Sanktionsmacht?
Zusammenfassung:
• Thomas Hobbes (1588–1679), Leviathan (1651)
• Naturzustand: bellum omnium contra omnes
• Homo homini lupus; Leben „solitary, poor, nasty, brutish, and short“
• Vertrag: alle übertragen ihre Rechte auf den Souverän
• Souverän = sterblicher Gott, absolute Macht
• Recht auf Selbsterhaltung bleibt unverlierbar
• Pessimistische Anthropologie + Materialismus
Abitur-Tipp: Lerne das Naturzustand-Zitat solitary, poor, nasty, brutish, and short wörtlich. Bereite einen Vergleich Hobbes/Locke/Rousseau als Tabelle vor: Menschenbild, Naturzustand, Vertragsinhalt, Staatsform. Bei Texten über Bürgerkrieg, Sicherheit oder Notstandsmaßnahmen ist Hobbes der erste Bezug. Verbinde Hobbes' Souverän mit Schmitts Souveränitätsbegriff („Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“).