Bibliothek

Fach wählen

Themen

John Locke: Two Treatises of Government

John Locke, Two Treatises 1689
Locke und seine Zeit

John Locke (1632–1704) ist Mitbegründer des englischen Empirismus und gilt als geistiger Vater des modernen Liberalismus. Seine politische Philosophie steht in direkter Auseinandersetzung mit Hobbes' Leviathan und mit der absolutistischen Theorie Robert Filmers (Patriarcha, 1680). Lockes Hauptwerk Two Treatises of Government erschien 1689 anonym, nach der Glorious Revolution, die König Jakob II. vertrieben hatte. Ebenfalls 1689 erschien sein Letter Concerning Toleration – das Plädoyer für religiöse Toleranz.

Erster und Zweiter Vertrag

Die Two Treatises bestehen aus zwei Teilen:

First Treatise: Polemik gegen Filmers These, Könige hätten ein gottgegebenes Erbrecht von Adam.
Second Treatise: Lockes positive politische Theorie – Naturzustand, Eigentum, Vertrag, Widerstandsrecht.

Der zweite Teil ist der bis heute einflussreiche.

Naturzustand – nicht Krieg, sondern Freiheit

Locke lehnt Hobbes' düsteren Naturzustand ab. Sein Naturzustand ist kein Krieg, sondern ein state of perfect freedom, in dem alle Menschen frei und gleich sind. Er wird vom Naturgesetz regiert, das die Vernunft erkennt: „The state of Nature has a law of Nature to govern it, which obliges every one: and reason, which is that law, teaches all mankind, who will but consult it, that being all equal and independent, no one ought to harm another in his life, health, liberty, or possessions.“

Drei Naturrechte stehen jedem Menschen schon vor jeder staatlichen Ordnung zu: life, liberty, and property – Leben, Freiheit, Eigentum.

Die Eigentumstheorie

Lockes berühmteste Theorie ist die arbeitsbasierte Eigentumstheorie (Kapitel V des Second Treatise). Gott hat die Erde allen Menschen gemeinsam gegeben – wie wird daraus privates Eigentum? Antwort:

1. Jeder Mensch ist Eigentümer seiner Person und seiner Arbeit.
2. Wer mit seiner Arbeit etwas aus der Natur veredelt, vermischt seine Person mit der Sache.
3. Damit wird die Sache zu seinem Eigentum.

Lockes Originalformel: „Whatsoever then he removes out of the state that nature hath provided, and left it in, he hath mixed his labour with, and joined to it something that is his own, and thereby makes it his property.“

Lockean Proviso

Lockes Eigentumstheorie hat zwei wichtige Einschränkungen, das Lockean Proviso:

1. Suffizienzbedingung: Es muss „enough and as good left in common for others“ übrig bleiben – man darf nichts an sich reißen, was anderen die Lebensgrundlage entzieht.
2. Verderbnisverbot: Niemand darf mehr aneignen, als er verbrauchen kann, ohne es verderben zu lassen.

Mit Einführung des Geldes – das nicht verdirbt – fällt das Verderbnisverbot praktisch weg, und erhebliche Akkumulation wird möglich. Das ist Lockes Brücke vom Naturzustand zum modernen Privatkapitalismus.

Der Gesellschaftsvertrag

Warum verlassen die Menschen den Naturzustand? Locke nennt drei inconveniences:

1. Es fehlt ein gemeinsames, anerkanntes Gesetz.
2. Es fehlt ein unparteiischer Richter.
3. Es fehlt eine wirksame Vollstreckungsmacht.

Aus diesen Gründen schließen sie einen Vertrag und gründen den Staat – aber nicht, um ihre Rechte aufzugeben (wie bei Hobbes), sondern um sie besser zu schützen. Der Staat ist Treuhand (fiduciary trust): Er hat nur die Macht, die ihm das Volk anvertraut.

Gewaltenteilung

Locke unterscheidet drei staatliche Gewalten:

Legislative (Gesetzgebung) – die höchste Gewalt, dem Volk verantwortlich.
Executive (Vollziehung der Gesetze).
Federative (Außenpolitik, Krieg, Bündnisse).

Eine eigenständige Judikative kennt Locke noch nicht – die wird Montesquieu hinzufügen (De l'esprit des lois, 1748). Lockes Trennung der Gewalten ist aber die historische Vorstufe der modernen Gewaltenteilung.

Das Widerstandsrecht

Lockes radikalste Konsequenz: Wenn die Regierung gegen die Naturrechte verstoßt und das Vertrauen bricht, hat das Volk ein Widerstandsrecht. „Whenever the legislators endeavour to take away and destroy the property of the people, or to reduce them to slavery under arbitrary power, they put themselves into a state of war with the people, who are thereupon absolved from any farther obedience.“

Damit liefert Locke die intellektuelle Rechtfertigung für die Glorious Revolution (1688/89), die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung (1776) und die Französische Revolution (1789). Die berühmte Formulierung Thomas Jeffersons – life, liberty, and the pursuit of happiness – ist eine direkte Echo Lockes.

Religiöse Toleranz

In A Letter Concerning Toleration (1689) trennt Locke die Aufgaben von Staat und Kirche scharf. Der Staat hat sich um civil interests zu kümmern, nicht um die Seelen. Religion ist Privatsache; jeder darf glauben, was er will, solange er die bürgerliche Ordnung nicht verletzt. Lockes Toleranzgedanke wird zu einer Grundlage des modernen Säkularismus – allerdings mit Ausnahme von Katholiken (politisch verdächtig) und Atheisten (nicht eidesfähig).

Wirkung und Kritik

Locke ist der einflussreichste politische Denker der englischsprachigen Welt. Seine Eigentumstheorie prägt das gesamte angelsächsische Recht und die liberale Tradition bis Robert Nozick (Anarchy, State, and Utopia, 1974). Gleichzeitig ist er umstritten:

Karl Marx kritisiert Lockes Eigentumstheorie als Legitimation der bürgerlichen Klasse.
Postkoloniale Theorie: Locke selbst war als Verwaltungsbeamter an der Carolina Charter beteiligt; seine Eigentumstheorie diente zur Legitimation der Landnahme in Amerika gegen die Indianer („sie haben die Erde nicht durch Arbeit kultiviert“).
Sozialistische Kritik: Lockes Naturrecht auf Eigentum ist nur für Eigentümer ein Schutz, für Eigentumslose ein Hindernis.

Zusammenfassung:

• John Locke (1632–1704), Two Treatises of Government (1689)
• Naturzustand: frei, gleich, von Naturgesetz regiert
• Naturrechte: life, liberty, property
• Eigentumstheorie: Arbeit + Lockean Proviso
• Staat als Treuhänder zum Schutz der Naturrechte
• Gewaltenteilung: Legislative, Executive, Federative
• Widerstandsrecht bei Vertragsbruch
• Religiöse Toleranz

Abitur-Tipp: Locke ist die liberale Gegenstimme zu Hobbes. Lerne die drei Naturrechte (life, liberty, property) und das Lockean Proviso. Vergleiche im Klausuraufbau immer Hobbes (autoritär, Sicherheit) und Locke (liberal, Eigentum, Widerstandsrecht). Verbinde Locke direkt mit Nozick – Nozicks Libertarianismus ist Locke fortgeführt. Bei Texten zu Eigentum, Privatisierung oder Staatsmacht ist Locke dein erster Bezug.