Die Reichsgründung von 1871 war das Ergebnis einer langen Strategie Bismarcks, die mit drei Kriegen die kleindeutsche Lösung „mit Eisen und Blut“ erzwang. Bereits im September 1862 hatte er als preußischer Ministerpräsident vor der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses gesagt: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen –, sondern durch Eisen und Blut.“ (Bismarck, 30. 9. 1862)
Die drei Einigungskriege:
Bismarck wollte den nationalen Schwung des Krieges nutzen, um die süddeutschen Staaten in einen gemeinsamen Bundesstaat zu integrieren. In den Novemberverträgen 1870 traten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt dem Norddeutschen Bund bei, der in „Deutsches Reich“ umbenannt wurde. Bayern erhielt Sonderrechte (eigene Post, Eisenbahnen, Heer in Friedenszeiten).
Die nationale Bewegung des Bürgertums befürwortete die Reichsgründung; doch Bismarck bestand auf einer „Revolution von oben“: Eine Reichsgründung durch das Parlament wie 1849 sollte vermieden werden. Die Fürsten – nicht das Volk – sollten den Kaiser proklamieren.
Am 18. Januar 1871 – bewusst gewählt: 170. Jahrestag der preußischen Königskrönung – wurde im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich proklamiert. Anwesend waren deutsche Fürsten, Generale und Offiziere; das Bürgertum und der Reichstag waren ausgeschlossen. Wilhelm I. wurde zum Deutschen Kaiser ausgerufen, Otto von Bismarck wurde Reichskanzler. Anton von Werners berühmtes Gemälde inszenierte den Akt als triumphalen Höhepunkt preußisch-militärischer Macht.
Ort und Form waren bewusst gewählt: Die Proklamation in Versailles, mitten in besetztem französischen Gebiet, war eine tiefe Demütigung Frankreichs. Sie begründete die sogenannte „Erbfeindschaft“, die bis 1945 die deutsch-französischen Beziehungen vergiftete.
Der Frieden von Frankfurt (10. Mai 1871) besiegelte die französische Niederlage:
Diese Bedingungen waren gemäß den Maßstäben der Zeit hart. Bismarck selbst zweifelte ein Leben lang, ob die Annexion Elsass-Lothringens politisch klug war – sie wurde zur tiefsten Wunde der französischen Nation und zum Hauptgrund der französischen Revanchepolitik.
Die Reichsverfassung vom 16. April 1871 baute auf der Verfassung des Norddeutschen Bundes auf. Charakteristika:
Politologen sprechen von einem „Konstitutionalismus“ – einer Verfassungs-, aber keiner parlamentarischen Demokratie.
Die ältere national gesinnte Historiographie (Heinrich von Treitschke) feierte 1871 als „Vollendung der deutschen Geschichte“. Die kritische Forschung seit den 1960er Jahren (Hans-Ulrich Wehler: „Das Deutsche Kaiserreich“, 1973) sieht 1871 als Ausgangspunkt des deutschen Sonderwegs: ein moderner Industriestaat ohne parlamentarische Demokratie. Neuere Studien (Thomas Nipperdey, Christopher Clark: „Preußen“) betonen die strukturelle Modernität des Reiches und relativieren die Sonderwegs-These. Die Diskussion ist bis heute offen.
Zusammenfassung:
• Drei Einigungskriege (1864, 1866, 1870/71) als Voraussetzung
• Novemberverträge 1870: Beitritt der süddeutschen Staaten
• 18. 1. 1871 Kaiserproklamation in Versailles „von oben“
• Frieden von Frankfurt: Elsass-Lothringen, 5 Mrd. Goldfranken
• Reichsverfassung 1871: föderativer Konstitutionalismus, kein Parlamentarismus
• Sonderwegs-Debatte (Wehler vs. Nipperdey/Clark)
Abitur-Tipp: Bei Quellenanalysen zur Reichsgründung erwartet die Korrektur den Hinweis auf „Revolution von oben“ (Bismarck) im Kontrast zur 1848er-Revolution „von unten“. Vergleiche außerdem 1849 (parlamentarische Variante) mit 1871 (fürstliche Variante) – ein Klassiker im Vergleichsteil.