Nach der Reichsgründung 1871 verfolgte Otto von Bismarck als Reichskanzler eine konsequente Friedenspolitik – nicht aus Idealismus, sondern aus Kalkül. Sein Albtraum, das cauchemar des coalitions („Albtraum der Koalitionen“), war eine antideutsche Bündniskonstellation aus mehreren Großmächten gleichzeitig. Bismarck erklärte das Reich nach 1871 als „saturiert“ (1876) – ohne weitere territoriale Wünsche. Sein Ziel war eine Stabilisierung Mitteleuropas durch ein dichtes Bündnisnetz, das alle Großmächte außer Frankreich an Deutschland band und Frankreich zugleich diplomatisch isolierte.
Im berühmten Kissinger Diktat (15. Juni 1877) formulierte Bismarck seine Strategie: „Nicht das Bild irgendeiner Landerwerbung schwebt mir vor Augen, sondern das einer politischen Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen und durch ihre Beziehungen zu einander von Koalitionen gegen uns nach Möglichkeit abgehalten werden.“ (Bismarck, Kissinger Diktat 1877)
Im Oktober 1873 schlossen Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland das Dreikaiserabkommen (Schönbrunner Konvention). Es war eine lockere monarchische Solidaritätserklärung der drei Kaiserreiche gegen revolutionäre Bewegungen in Europa. Nach Erschütterungen wurde es 1881 als Dreikaiserbündnis (Vertrag in Form, geheim) erneuert: Die drei Mächte sicherten einander Neutralität zu, falls einer von ihnen Krieg mit einer vierten Macht (gemeint: Frankreich oder Großbritannien) führen sollte. 1887 zerbrach es endgültig an den Gegensätzen zwischen Österreich und Russland am Balkan.
Der Zweibund vom 7. Oktober 1879 war Bismarcks erstes festes Bündnis: Deutschland und Österreich-Ungarn versprachen einander Beistand bei einem Angriff Russlands. Bei einem Angriff einer anderen Macht garantierte man Neutralität. Der Zweibund blieb bis 1918 das Rückgrat der deutschen Bündnispolitik.
Am 20. Mai 1882 trat Italien bei: Aus dem Zweibund wurde der Dreibund. Italien sicherte Beistand bei einem Angriff Frankreichs zu – und gewann zugleich Rückhalt gegenüber Frankreich in Nordafrika (Tunis-Frage 1881).
Als das Dreikaiserbündnis 1887 zerbrach, schloss Bismarck mit Russland am 18. Juni 1887 den geheimen Rückversicherungsvertrag: Beide Reiche sicherten einander Neutralität zu, falls eines in einen Krieg mit einer dritten Macht gerät. Wichtige Ausnahme: Wenn Deutschland Frankreich oder Russland Österreich-Ungarn angreifen sollte. Damit war Frankreich diplomatisch isoliert: Russland wurde von einem Bündnis mit Frankreich abgehalten. Der Rückversicherungsvertrag wurde 1890 von Leo von Caprivi nicht verlängert – mit fatalen Folgen.
Im Februar 1887 vermittelte Bismarck das erste Mittelmeerabkommen zwischen Italien, Österreich-Ungarn und Großbritannien. Sie verpflichteten sich, den Status quo im Mittelmeer (gegen französische Expansionen in Nordafrika) zu wahren. Im Dezember 1887 wurde es zum Orientdreibund ausgebaut, der nun auch das Schwarze Meer einschloss – richtete sich faktisch gegen russische Ausdehnung Richtung Bosporus. Bismarcks Pointe: Großbritannien war indirekt mit dem Dreibund verknüpft, ohne formell beizutreten.
Vereinfachte Darstellung des Bündnisgefüges um 1887. D = Deutsches Reich, Ö = Österreich-Ungarn, R = Russland, I = Italien, GB = Großbritannien, F = (isoliertes) Frankreich.
Lesehinweis: Frankreich (links) ist von Deutschland und seinen Verbündeten umzingelt, der Rückversicherungsvertrag (gestrichelt) verhindert ein Bündnis Russlands mit Frankreich.
Bismarcks System hielt über 18 Jahre den Frieden in Europa – eine bemerkenswerte Leistung. Es war jedoch komplex, z. T. widersprüchlich (z. B. Rückversicherungsvertrag und Zweibund) und an Bismarcks Person gebunden. Sein Nachfolger Caprivi ließ den Rückversicherungsvertrag 1890 auslaufen – bereits 1894 verbündete sich Frankreich mit Russland (Zweiverband). Damit war Bismarcks Strategie gescheitert: Mit der Triple-Entente (Frankreich, Russland, Großbritannien) bis 1907 stand Deutschland in jenem Albtraum, den Bismarck unbedingt hatte vermeiden wollen.
In der älteren Forschung galt Bismarck als „weiser Friedensfürst“ (Erich Eyck, Otto Pflanze). Kritischer betrachten ihn Hans-Ulrich Wehler und Lothar Gall („Bismarck. Der weiße Revolutionär“, 1980): Sein System sei letztlich nicht nachhaltig gewesen, weil es zu sehr an seiner Persönlichkeit hing und die langfristige Spannung zwischen Österreich und Russland nicht löste.
Zusammenfassung:
• Ziel: Frankreich isolieren, Koalitionen gegen Deutschland verhindern
• 1873/1881 Dreikaiserbündnis (D, Ö-U, R)
• 1879 Zweibund (D, Ö-U), 1882 Dreibund (+ I)
• 1887 Rückversicherungsvertrag (geheim, D–R)
• 1887 Mittelmeerabkommen / Orientdreibund (mit GB)
• 1890 Nicht-Verlängerung ⇒ 1894 Frankreich-Russland-Bündnis
Abitur-Tipp: Lerne die Jahreszahlen und das jeweilige Vertragsschema auswendig. Bei der Bewertung achte auf Bismarcks Friedensbegriff: Er war kein Pazifist, sondern Realpolitiker. Verknüpfe das Bündnissystem mit dem „Wandel der Außenpolitik“ unter Wilhelm II. – das ist der Standardübergang zur Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs.