1888 starben innerhalb weniger Monate Kaiser Wilhelm I. und sein Sohn Friedrich III. (99 Tage Regentschaft, Kehlkopfkrebs). Nachfolger wurde Wilhelm II. (geb. 1859), ein 29-jähriger, ehrgeiziger und impulsiver Monarch. Im März 1890 erzwang er den Rücktritt Bismarcks. Der berühmte Punch-Cartoon „Dropping the Pilot“ (29. 3. 1890) hielt diesen Bruch ikonographisch fest. Der neue Reichskanzler Leo von Caprivi (1890–1894) leitete den ersten Bruch mit der Bismarck’schen Außenpolitik ein.
Den entscheidenden Schritt vollzog Caprivi sofort: Auf drängen des Außenamts (Friedrich von Holstein) ließ er den Rückversicherungsvertrag mit Russland nicht verlängern. Begründung: Er sei mit dem Zweibund (Vertrag mit Österreich) inhaltlich unvereinbar. Folge: Russland wandte sich Frankreich zu. Bereits 1894 kam der französisch-russische Zweiverband zustande – das Ende der Isolation Frankreichs und der Anfang vom Ende der Bismarck’schen Strategie.
Unter dem neuen Außenminister Bernhard von Bülow (ab 1897) und Reichskanzler ab 1900 verfolgte das Reich bewusst eine „Weltpolitik“ (Bülow-Wort). Im Reichstag erklärte Bülow am 6. Dezember 1897: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“ (Bülow, Reichstagsrede 1897) Damit wurde die Bismarck’sche Saturiertheit aufgegeben.
Ziele:
Das Herzstück der neuen Politik war der Flottenbau. Auf Initiative des Staatssekretärs des Reichsmarineamts, Alfred von Tirpitz, beschloss der Reichstag zwei Flottengesetze:
Tirpitz’ „Risiko-Theorie“: Die deutsche Flotte sollte so stark sein, dass selbst die stärkste Seemacht (Großbritannien) bei einem Angriff so hohe Verluste riskiere, dass sie ihre Vorherrschaft auf den Weltmeeren verlieren würde. Damit sollte Großbritannien zum Einlenken gezwungen werden – das Gegenteil trat ein.
Großbritannien antwortete mit dem Bau der revolutionären HMS Dreadnought (1906), die alle älteren Schlachtschiffe entwertete. Es begann ein militärisches Dreadnought-Wettrüsten. Politisch führte der deutsche Flottenbau Großbritannien direkt in die Arme Frankreichs und Russlands.
Schritt für Schritt entstand das „Cauchemar“, das Bismarck unbedingt hatte vermeiden wollen:
Deutschland stand 1907 nur noch mit dem zermürbenden Österreich-Ungarn im Bündnis (Italien wechselte 1915 die Seiten). Bismarcks Albtraum war Realität.
Wilhelms Außenpolitik war oft impulsiv und ungeschickt:
In seiner Reichstagsrede 1897 begründete Bülow den neuen Kurs: „Die Zeiten sind vorüber, wo der Deutsche dem einen seiner Nachbarn die Erde, dem anderen das Meer überließ und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront. … Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“ (Bülow 1897)
Fritz Fischer hat in seiner berühmten Studie „Griff nach der Weltmacht“ (1961) die deutsche Außenpolitik als zielgerichtete Vorbereitung auf einen aggressiven Weltmachtkrieg dargestellt – und damit eine bis heute kontroverse Debatte ausgelöst. Demgegenüber sehen Christopher Clark („Die Schlafwandler“, 2012) und Volker Berghahn die Entwicklung als ein Zusammenspiel mehrerer Mächte, in dem Deutschland nicht der einzige Schuldige war. Klar ist: Der Wandel von 1890 bis 1914 brach mit Bismarcks Logik – und führte in die Isolation.
Zusammenfassung:
• 1890: Bismarck entlassen, Rückversicherungsvertrag nicht verlängert
• 1894: Französisch-russischer Zweiverband
• 1897: Bülows „Weltpolitik“ / Tirpitz-Plan
• 1898/1900: Flottengesetze; Risiko-Theorie
• 1904/07: Entente Cordiale, Triple-Entente
• 1905, 1911: Marokkokrisen, Panthersprung
• Forschungsdebatte: Fischer-Kontroverse vs. Clark
Abitur-Tipp: Bei der Frage nach der „Schuld“ am Ersten Weltkrieg solltest du sowohl die Fischer-These („Griff nach der Weltmacht“) als auch Christopher Clarks „Schlafwandler“-Modell kennen und differenziert beurteilen. Verbinde den deutschen Außenpolitik-Wandel direkt mit dem Wechsel der Bündnissysteme.