Marokko war um 1900 einer der wenigen verbliebenen souveränen Staaten Afrikas. Es interessierte die europäischen Großmächte aus drei Gründen: strategisch (Straße von Gibraltar, Atlantik-Mittelmeer-Verbindung), wirtschaftlich (Phosphate, Eisen, Markärkte) und prestige-politisch als koloniales Filetstück. Frankreich grenzte mit Algerien (seit 1830) direkt an Marokko und beanspruchte eine Vorrangstellung. Im April 1904 schloss es mit Großbritannien die Entente Cordiale: London überließ Frankreich freie Hand in Marokko, im Tausch für französische Anerkennung der britischen Stellung in Ägypten.
Das Deutsche Reich fühlte sich übergangen und wollte unter Wilhelm II. seine „Weltpolitik“ demonstrieren – ohne in Marokko realistische wirtschaftliche Interessen zu haben. Ziel war vor allem, die Entente Cordiale zu schwächen und Frankreich diplomatisch zu isolieren.
Am 31. März 1905 landete Wilhelm II. auf der Rückkehr von einer Mittelmeerreise in Tanger. Im Beisein des marokkanischen Sultans hält er eine Ansprache, in der er die Souveränität Marokkos und die offene Tür (gleiche Handelsmöglichkeiten für alle Mächte) verlangte. Die provokante Geste sollte Frankreich isolieren und zu einer internationalen Konferenz zwingen.
Frankreich lenkte tatsächlich ein. Außenminister Théophile Delcassé – der Architekt der Entente Cordiale – musste am 6. Juni 1905 zurücktreten. Doch die deutsche Strategie scheiterte auf der Konferenz von Algeciras (16. 1.–7. 4. 1906): Statt einer Schwächung Frankreichs entstand das genaue Gegenteil. Mit Ausnahme Österreich-Ungarns stimmten alle Großmächte (auch das verbündete Italien!) gegen Deutschland. Frankreich erhielt die Polizeigewalt und die Kontrolle über die marokkanische Staatsbank. Deutschland stand diplomatisch isoliert da.
In den folgenden Jahren weitete Frankreich seinen Einfluss in Marokko schrittweise aus. Im Mai 1911 besetzten französische Truppen die marokkanische Hauptstadt Fes, um den Sultan vor Aufständigen zu schützen. Damit war die Souveränität Marokkos faktisch hinfällig.
Am 1. Juli 1911 entsandte das Deutsche Reich auf Initiative von Außenstaatssekretär Alfred von Kiderlen-Wächter das Kanonenboot SMS Panther in den südmarokkanischen Hafen Agadir. Offizielle Begründung: Schutz deutscher Staatsbürger und wirtschaftlicher Interessen. Tatsächliches Ziel: Frankreich zu Kompensationen zwingen.
Die Aktion löste eine schwere internationale Krise aus. Großbritannien stellte sich klar auf die Seite Frankreichs – in der berühmten Mansion-House-Rede warnte Schatzkanzler David Lloyd George Deutschland am 21. Juli 1911 vor weiteren Provokationen. Die britische Flotte wurde in Alarmbereitschaft versetzt; ein europäischer Krieg schien zum ersten Mal seit Jahren möglich.
Im Marokko-Kongo-Vertrag vom 4. November 1911 lenkte Deutschland ein: Anerkennung des französischen Protektorats über Marokko (formalisiert 1912 im Vertrag von Fes), als Kompensation Teile Französisch-Äquatorialafrikas (heute Tschad/Kongo, das „Neukamerun“).
In seiner Mansion House Speech erklärte Lloyd George: „If a situation were to be forced upon us in which peace could only be preserved by the surrender of the great and beneficent position Britain has won by centuries of heroism and achievement, … then I say emphatically that peace at that price would be a humiliation intolerable for a great country like ours to endure.“ (Lloyd George, 21. 7. 1911) Damit war klar, dass London im Ernstfall an der Seite Frankreichs kämpfen würde.
Die ältere deutsche Forschung sah die Marokkokrisen als Versuche „weltpolitischer Profilierung“ mit verheerenden Folgen. Fritz Fischer ordnete sie in seine These vom „Griff nach der Weltmacht“ ein. Christopher Clark („Die Schlafwandler“, 2012) interpretiert sie als Symptom einer multilateralen Krise – nicht nur Deutschland, sondern auch Frankreich, Großbritannien und Russland sahen Marokko als Bühne ihrer eigenen Imperialinteressen. Volker Berghahn betont die strukturelle Wirkung: Die Krisen verfestigten Blöcke, statt einen Ausgleich zu ermöglichen.
Zusammenfassung:
• 1904 Entente Cordiale: GB überlässt Frankreich Marokko
• 31. 3. 1905 Tanger-Rede Wilhelms II.
• 1906 Konferenz von Algeciras: Deutschland isoliert
• 1. 7. 1911 Panthersprung nach Agadir
• 4. 11. 1911 Marokko-Kongo-Vertrag: D verzichtet, erhält Neukamerun
• Folge: Festigung der Triple-Entente, deutsche Isolation
Abitur-Tipp: Bei einer Quellenanalyse zur Marokkokrise solltest du nicht beim diplomatischen Verlauf stehenbleiben, sondern die strukturelle Wirkung herausarbeiten: Verfestigung der Blockbildung. Verknüpfe sie unbedingt mit Wilhelms „Weltpolitik“ und dem Flottenbau, um die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs als Gesamtbild zu zeichnen.