Anouilh eröffnet sein Drama mit einem ungewöhnlichen Prologue: Eine erzählende Figur tritt vor das Publikum und stellt die Personen vor, die im Hintergrund stumm sitzen. Sie verrät bereits den ganzen Plot – Antigone wird sterben, Créon wird überleben, alle anderen werden vergehen.
Diese Form ist eine bewusste Distanzierung. Anouilh nimmt der Tragödie die Spannung des „Was passiert als Nächstes?“ und konzentriert sich ganz auf die Frage des „Warum“. Der Zuschauer weiß alles und kann sich daher voll auf die psychologische Konfrontation einlassen.
«Voilà. Ces personnages vont vous jouer l’histoire d’Antigone. Antigone, c’est la petite maigre qui est assise là-bas, et qui ne dit rien.» (Anouilh 1944)
Antigone ist die Tochter des Ödipus, des ehemaligen Königs von Theben. Nach Ödipus' Tod sollten seine Söhne Étéocle und Polynice abwechselnd regieren. Doch Étéocle weigert sich, die Macht abzugeben. Polynice greift Theben mit fremdem Heer an. Im Zweikampf töten sich die Brüder gegenseitig.
Der neue König Créon, ihr Onkel, beerdigt Étéocle mit allen Ehren. Polynice, den „Verräter“, lässt er ohne Begräbnis vor den Stadtmauern liegen. Wer den Leichnam berührt, soll mit dem Tod bestraft werden. Diese Verordnung ist die Ausgangssituation des Dramas.
Im Morgengrauen schleicht Antigone aus dem Palast und bestreut den Leichnam ihres Bruders mit einer kleinen Menge Erde – eine symbolische Bestattung, mehr nicht. Die Wache findet die Spuren und beseitigt sie. Antigone kehrt am Mittag zurück und bestattet erneut. Diesmal wird sie gefasst.
Die Tat ist bei Anouilh nicht religiös motiviert (anders als bei Sophokles). Antigone fühlt sich nicht von den Göttern verpflichtet, sondern handelt aus persönlicher Konsequenz und aus Liebe zu ihrem Bruder. Sie sagt: «Pour moi qui ne suis pas obligée de faire le roi.»
Das Herzstück des Dramas ist die etwa 30-minütige Konfrontation zwischen Antigone und Créon. Créon versucht zunächst, sie zu retten. Er erklärt ihr, dass die Geschichte mit Polynice ohnehin verworren ist (vielleicht war Étéocle ebenso verräterisch). Er bietet ihr Schweigen, Vergessen, ein normales Leben mit Hémon an.
Antigone weigert sich. Sie will gerade nicht das „kleine Glück“ (le bonheur), das Créon ihr anbietet. Sie will alles, sofort, und ganz. Créon antwortet:
«C’est facile de dire non. Pour dire oui, il faut suer et retrousser ses manches.» (Anouilh 1944) („Es ist leicht, Nein zu sagen. Um Ja zu sagen, muss man schwitzen und die Ärmel hochkrempeln.“)
Antigone bleibt unbeugsam. Sie wird zum Tod verurteilt.
Antigone wird in eine Höhle eingemauert. Dort erhängt sie sich. Créons Sohn Hémon, der mit ihr verlobt war, findet ihre Leiche und ersticht sich selbst. Créons Frau Eurydice, von Trauer überwältigt, tötet sich ebenfalls.
Créon bleibt allein, mit der Macht. Anouilh schreibt: «Tous ceux qui avaient à mourir sont morts. Il ne reste plus que les autres. Ceux qui sont là et qui n’y peuvent rien.» Das ist der Schluss: Die Macht überlebt, das Reine stirbt, und am Ende sitzen die kleinen Wachen vor der Stadt und spielen Karten.
Wichtige Nebenfiguren ergänzen die Hauptkonstellation: Ismène, Antigones ältere Schwester, ist die vorsichtige, schöne, kompromissbereite junge Frau – ein klares Gegenbild zu Antigone. Sie versucht, ihre Schwester zu warnen, lehnt aber das Mitmachen ab. Hémon, Créons Sohn und Antigones Verlobter, steht zwischen den Welten. La nourrice (das Kindermädchen) repräsentiert die liebevolle, unpolitische Welt der Kindheit. Le choeur wird bei Anouilh zu einer einzelnen Figur, die kommentiert und erklärt – eine Art Erzählerstimme im Drama. Schließlich gibt es les trois gardes, die Wachen, die mit ihrem groben Humor und ihren Karten eine fast Beckettsche Note in das tragische Geschehen tragen. Diese Verteilung der Nebenfiguren ist klausurrelevant.
Zusammenfassung:
• Prologue mit Vorwegnahme des Plots
• Antigone bestattet Polynice gegen Créons Verbot
• Streitszene als Herzstück
• Créon versucht zu retten, Antigone weigert sich
• Mehrfache Tötungen am Ende, Créon überlebt
Abitur-Tipp: Die dreigliedrige Struktur Prologue – Streitszene – Schlussmassaker lässt sich gut merken. Verwende das Créon-Zitat über das „Ja sagen“ als Gegenpol zu Antigones absoluter Verweigerung.