Der Maghreb (arabisch für „Westen“) bezeichnet die nordafrikanischen Länder Algerien, Marokko und Tunesien (im erweiterten Sinn auch Mauretanien und Libyen). Diese Region war ab dem 19. Jahrhundert eng mit Frankreich verbunden: Algerien wurde 1830 erobert und zur französischen Departementsverwaltung umgewandelt; Tunesien wurde 1881, Marokko 1912 französisches Protektorat. Die Unabhängigkeit kam zwischen 1956 (Marokko, Tunesien) und 1962 (Algerien) – in Algerien nach einem brutalen Krieg.
Die französische Sprache hinterließ tiefe Spuren. Auch wenn Arabisch in allen drei Ländern Amtssprache ist, bleibt Französisch im Bildungswesen, in der Wirtschaft, in der Verwaltung und in den Medien präsent. Über 100 Millionen Menschen im Maghreb sprechen Französisch als Erst- oder Zweitsprache.
Algerien ist der wichtigste, aber auch konfliktreichste Fall. Frankreich behandelte Algerien zwischen 1830 und 1962 nicht als Kolonie, sondern als integralen Bestandteil des Mutterlandes. Es lebten dort über eine Million europäische Siedler (pieds-noirs). Der Algerien-Krieg (1954–1962) war einer der brutalsten Entkolonialisierungskonflikte des 20. Jahrhunderts: rund 500.000 Tote, weit verbreitete Folter, Vertreibungen.
Heute ist Algerien nicht Mitglied der OIF, obwohl Französisch dort weit verbreitet ist. Diese Distanz ist Folge der schwierigen Geschichte. Präsident Macron erkannte 2017 die französische Verantwortung im Algerien-Krieg an und sprach von «crime contre l’humanité». Trotzdem bleibt das Verhältnis angespannt.
Marokko wurde 1956 unabhängig. Anders als Algerien erhielt das Land seine Unabhängigkeit relativ friedlich, weil Frankreich Marokko nicht als integralen Bestandteil des Mutterlandes betrachtete. Heute pflegt Marokko gute Beziehungen zu Frankreich; Französisch wird in der Verwaltung, in Wirtschaft und Bildung breit genutzt. Marokko ist OIF-Mitglied.
Tunesien wurde ebenfalls 1956 unabhängig. Präsident Habib Bourguiba verfolgte einen entschieden modernistischen Kurs, in dem die französische Sprache eine wichtige Rolle spielte. Bourguiba war einer der Mitgründer der OIF (1970). Tunesien ist heute in der Region das Land mit den stärksten französischen Bildungseinrichtungen.
Die franko-maghrebinische Literatur ist reich und vielfältig. Wichtige Stimmen:
• Albert Camus (1913–1960), in Algier geboren, Nobelpreis 1957. Sein Werk spiegelt die koloniale Erfahrung des pied-noir.
• Kateb Yacine (1929–1989), Algerien. Sein Roman Nedjma (1956) ist ein Schlüsselwerk der antikolonialen Literatur.
• Tahar Ben Jelloun (geb. 1944), Marokko. Goncourt-Preisträger 1987 für La Nuit sacrée.
• Leïla Slimani (geb. 1981), Marokko. Goncourt 2016 für Chanson douce. Stimme einer neuen Generation franko-marokkanischer Autorinnen.
• Kamel Daoud (geb. 1970), Algerien. Sein Roman Meursault, contre-enquête (2013) ist eine Antwort auf Camus.
Originalzitat von Kateb Yacine: «La langue française est notre butin de guerre.» („Die französische Sprache ist unsere Kriegsbeute.“) Diese Formel fasst die ambivalente Beziehung zur Sprache des ehemaligen Kolonialherrn perfekt zusammen.
le Maghreb · le pays maghrébin · les pieds-noirs · la guerre d’Algérie · l’indépendance · le protectorat · la décolonisation · le bilinguisme · l’arabité · la langue de Molière · le butin de guerre · la double culture · l’exil · les harkis (algerische Hilfssoldaten der französischen Armee) · l’immigration maghrébine en France
Die sprachliche Realität im Maghreb ist komplex: Hocharabisch ist Amtssprache und Sprache der Bildung, aber im Alltag wird darija (Dialektarabisch) gesprochen, das vom Hocharabischen stark abweicht. Berberisch (Tamazight) ist seit 2011 in Marokko und seit 2016 in Algerien Amtssprache. Französisch dominiert in den Wissenschaften, in der höheren Verwaltung und teilweise in den Medien. Diese Mehrsprachigkeit ist ein wichtiger Teil der maghrebinischen Identität. Aktuelle Debatten betreffen die Frage der Arabisierung der Schule und der Rückkehr zum Französischen oder zum Englischen als erste Fremdsprache. In Marokko wurde 2019 entschieden, naturwissenschaftliche Fächer wieder vermehrt auf Französisch zu unterrichten – eine umstrittene Entscheidung. Für die Klausur lohnt es sich, diese sprachpolitische Dynamik zu kennen.
Zusammenfassung:
• Maghreb: Algerien, Marokko, Tunesien
• Algerien: Sonderfall, brutal kolonisiert, nicht in OIF
• Marokko/Tunesien: friedlichere Unabhängigkeit 1956
• Literatur: Camus, Kateb Yacine, Ben Jelloun, Slimani, Daoud
• Schlüsselzitat: butin de guerre
Abitur-Tipp: Lerne das Datum 1962 (Algerien-Unabhängigkeit) und das Kateb-Yacine-Zitat. Der Algerien-Krieg ist ein Kerntopos. Erwähne mindestens eine zeitgenössische Stimme (Slimani oder Daoud), um Aktualität zu zeigen.