Der Balkan war seit dem schrittweisen Zerfall des Osmanischen Reiches ein hochgefährlicher Konfliktraum: Christliche Volksgruppen forderten Unabhängigkeit, Österreich-Ungarn und Russland verfolgten konkurrierende Großmachtinteressen, und Serbien strebte als panslawische Schutzmacht nach einem „Großserbien“.
Wichtige Stationen vor 1914:
Im Sommer 1914 stand Österreich-Ungarn vor einem Dilemma: Entweder die slawischen Nationalbewegungen energisch niederhalten – oder den Verfall des Vielvölkerreiches hinnehmen.
Franz Ferdinand (geb. 1863), Neffe Kaiser Franz Josephs und seit 1896 Thronfolger der Donaumonarchie, war eine umstrittene Figur. Er heiratete 1900 die böhmische Gräfin Sophie Chotek, was einen Skandal auslöste, weil sie nicht ebenbürtig war – ihre Kinder waren von der Thronfolge ausgeschlossen. Politisch verfolgte er eine trialistische Reformidee: Statt der dualistischen Donaumonarchie (Österreich/Ungarn) wollte er eine dritte, slawische Reichshälfte schaffen. Genau das machte ihn in den Augen serbischer Nationalisten besonders gefährlich: Eine erfolgreiche Reform hätte ihre eigene Großserbien-Vision dauerhaft sabotiert.
Die Attentäter gehörten zur serbischen-nationalistischen Geheimorganisation Mlada Bosna („Junges Bosnien“), unterstützt durch die serbische Geheimorganisation Crna Ruka („Schwarze Hand“) unter Oberst Dragutin Dimitrijević („Apis“), Chef des serbischen militärischen Nachrichtendienstes. Die jungen Männer wurden in Belgrad mit Waffen (FN-Pistolen, Bomben), Geld und Zyankali ausgestattet und nach Sarajevo geschmuggelt.
Das Datum war bewusst gewählt: 28. Juni ist der serbische Nationalfeiertag (Vidovdan), Erinnerung an die Schlacht auf dem Amselfeld 1389. Der Erzherzog kam zu einer Truppeninspektion nach Bosnien.
Der Tag verlief chaotisch:
Princip wurde sofort festgenommen. Da er als Minderjähriger nach österreichischem Recht nicht zum Tode verurteilt werden konnte, erhielt er 20 Jahre Festungshaft. Er starb 1918 in Theresienstadt an Tuberkulose.
Der deutsche Journalist und Berater des Reichskanzlers Bethmann Hollweg, Kurt Riezler, notierte 1914: „Gleichzeitig Türkenpolitik gegen Russland, Marokko gegen Frankreich, Flotte gegen England, alle reizen und sich allen in den Weg stellen und dabei keinen wirklich schwächen.“ (Riezler-Tagebuch, 1914) – eine schärfste Analyse der Wilhelminischen Außenpolitik.
Das Attentat war an sich noch kein Krieg. Politische Morde an europäischen Spitzenpolitikern hatte es zuvor mehrfach gegeben (z. B. Kaiserin Elisabeth 1898, König Umberto 1900, Präsident Carnot 1894 – jedes Mal ohne Krieg). Doch diesmal entschied sich die österreichische Regierung unter Graf Berchtold und Conrad von Hötzendorf für einen militärischen Schlag gegen Serbien. Voraussetzung war die deutsche Rückendeckung – der berühmte Blankoscheck Wilhelms II. und Bethmann Hollwegs vom 5./6. Juli 1914.
Damit war der Weg in die Julikrise und in den Ersten Weltkrieg geöffnet. Die Schüsse von Sarajevo wurden, in den Worten des Historikers Christopher Clark, zum „Tag, an dem die Welt aus den Angeln gehoben wurde“.
Lange galt die Frage, ob Serbien direkt hinter dem Attentat stand und ob die österreichische Reaktion gerechtfertigt war. Die Forschung (Christopher Clark: „Die Schlafwandler“, 2012) hat gezeigt, dass Teile der serbischen Regierung über die Pläne der „Schwarzen Hand“ informiert waren, ohne sie zu stoppen. Andere Forscher (Annika Mombauer, Holger Afflerbach) betonen, dass das Attentat allein nicht zum Krieg geführt hat – die Eskalation lag in den Entscheidungen der Großmächte selbst.
Zusammenfassung:
• Vorgeschichte: Annexionskrise 1908, Balkankriege 1912/13
• Franz Ferdinand: Trialismus-Reformer, Gegner Serbiens
• Attentäter aus Mlada Bosna / Schwarze Hand
• 28. 6. 1914: Bombe (Cabrinovic) und Schüsse (Princip)
• Folge: Blankoscheck (5. 7.), Julikrise, Erster Weltkrieg
• Forschung: Sarajevo als Funke, Großmächte als „Schlafwandler“
Abitur-Tipp: Trenne in der Klausur Anlass (Attentat) und Ursachen (Bündnissystem, Wettrüsten, Imperialismus, Nationalismus). Bei Quellenanalysen zur Julikrise immer auch auf die Rolle des Zufalls hinweisen (falsche Abbiegung des Fahrers) – daran lässt sich gut der Unterschied zwischen Geschichte als Strukturgeschehen und Ereignisgeschichte erklären.