Im Herbst 1918 war Deutschland militärisch am Ende. Nach dem Scheitern der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 und dem Vormarsch der Entente bat die Oberste Heeresleitung (OHL) am 29. September 1918 die Reichsleitung um sofortige Friedensverhandlungen. Am 11. November 1918 wurde im Wald von Compiègne der Waffenstillstand unterzeichnet. Grundlage: die 14 Punkte von US-Präsident Woodrow Wilson (Januar 1918) – mit ihrer Forderung nach gerechtem Frieden ohne Annexionen, Selbstbestimmungsrecht der Völker und Völkerbund.
Die Pariser Friedenskonferenz begann am 18. Januar 1919 (genau 48 Jahre nach der deutschen Reichsproklamation in Versailles) und tagte ohne deutsche Beteiligung. Dominierende Akteure waren Wilson (USA), Clemenceau (Frankreich, „Tigre“), Lloyd George (Großbritannien) und Orlando (Italien).
Am 28. Juni 1919 – auf den Tag genau fünf Jahre nach Sarajevo – unterzeichneten die deutschen Vertreter Hermann Müller (SPD) und Johannes Bell (Zentrum) im Spiegelsaal von Versailles. Der Vertrag enthielt 440 Artikel:
Stark vereinfachte Schemakarte der wichtigsten Gebietsabtretungen Deutschlands nach 1919:
Hinweis: Schematische, nicht maßstabsgetreue Darstellung. Insgesamt verlor Deutschland ca. 70 000 km² und 7 Mio. Einwohner.
In Deutschland löste der Vertrag eine Welle nationaler Empörung aus. Reichskanzler Philipp Scheidemann rief am 12. Mai 1919: „Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legte?“ (Scheidemann, 12. 5. 1919) Er trat zurück, statt zu unterzeichnen. Auch das Bürgertum sprach vom „Diktatfrieden“ oder „Schmachfrieden von Versailles“. Die Republik wurde von Anfang an mit der Niederlage assoziiert – ein schweres Stigma für ihre Legitimität.
Parallel entstand die Dolchstoßlegende: Das deutsche Heer sei im Felde unbesiegt geblieben und nur durch „Verräter in der Heimat“ (Sozialdemokraten, Kommunisten, Juden) zur Niederlage gezwungen worden. Sie wurde von der OHL und insbesondere von Paul von Hindenburg verbreitet. Vor dem Untersuchungsausschuss des Reichstags sagte er am 18. November 1919: „Ein englischer General hat mit Recht gesagt: Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden.“ (Hindenburg, 1919)
Die Dolchstoßlegende war faktisch falsch (Ludendorff selbst hatte am 29. 9. 1918 die Niederlage eingestanden), aber politisch hochwirksam: Sie wurde zum zentralen Mythos der antidemokratischen Rechten und zur Munition gegen die „Novemberverbrecher“.
Bereits zeitgenössisch warnte der englische Ökonom John Maynard Keynes in The Economic Consequences of the Peace (1919) vor den wirtschaftlichen Folgen. Lange galt der Vertrag in der deutschen Geschichtsschreibung als hauptsächliche Ursache des Aufstiegs der NSDAP (Sebastian Haffner). Neuere Studien (Gerd Krumeich, Eckard Michels) relativieren: Der Vertrag war hart, aber nicht harter als andere Friedensverträge der Zeit (Brest-Litowsk, Trianon). Entscheidend war seine symbolische Wirkung und die innenpolitische Instrumentalisierung.
Zusammenfassung:
• 28. 6. 1919 Vertragsunterzeichnung im Spiegelsaal
• Art. 231: Alleinige Kriegsschuld
• 132 Mrd. Goldmark Reparationen
• ~13 % Gebietsverluste, alle Kolonien
• 100 000-Mann-Heer, demilitarisierte Rheinzone
• Dolchstoßlegende: Mythos vom „unbesiegten Heer“
Abitur-Tipp: Im Klausurteil zur Weimarer Republik wird häufig die innenpolitische Wirkung des Versailler Vertrags abgefragt. Verbinde Art. 231, Reparationen und Dolchstoßlegende zu einer Argumentationskette: Die Republik war von Anfang an mit der „Schmach“ verknüpft – das machte sie für antidemokratische Kritätiker leicht angreifbar.