Bei erstem Kontakt mit einem Antigen benötigt das adaptive Immunsystem mehrere Tage, um eine wirksame Antwort aufzubauen. Naive B- und T-Lymphozyten müssen erst auf ihr passendes Antigen treffen, klonal expandieren, im Keimzentrum durch somatische Hypermutation ihre Affinität reifen lassen und zu Effektor- und Gedächtniszellen differenzieren. Die Latenzphase beträgt typischerweise 5–7 Tage.
Zuerst werden niedrigaffine IgM-Antikörper gebildet, die nach etwa 10–14 Tagen ihren Höchstwert erreichen und dann wieder abfallen. Im Verlauf erfolgt der Klassenwechsel zu IgG, das langsamer ansteigt, ein niedrigeres Maximum und eine deutlich längere Halbwertszeit hat. Insgesamt ist die Primärantwort relativ schwach und langsam – wer eine Erstinfektion durchmacht, ist daher meist symptomatisch krank.
Bei erneutem Kontakt mit demselben Antigen reagiert das Immunsystem deutlich schneller, stärker und qualitativ besser. Verantwortlich sind die in der Primärantwort gebildeten Gedächtnis-B- und -T-Zellen. Sie erkennen das Antigen sofort und produzieren innerhalb von 1–3 Tagen hohe Mengen hochaffiner IgG-Antikörper.
Die Sekundärantwort ist um Größenordnungen stärker: 10- bis 100-fach höhere Antikörperspiegel, deutlich höhere Affinität und längere Persistenz. Hauptisotyp ist von Anfang an IgG (oder IgA an Schleimhäuten). Die Person erkrankt meist gar nicht oder nur leicht.
Dieses Prinzip ist die Grundlage der aktiven Impfung: Mit einem harmlosen Antigen (Lebendimpfstoff, Totimpfstoff, mRNA, Untereinheiten) wird eine kontrollierte Primärantwort ausgelöst, ohne dass die Erkrankung selbst auftritt. Bei späterem Kontakt mit dem echten Erreger reagiert das Immunsystem mit einer schnellen, starken Sekundärantwort und der Mensch bleibt gesund. Auffrischimpfungen verstärken den Effekt zusätzlich.
Abitur-Tipp: Schlüsselzahlen: Primär 5–7 Tage Latenz, IgM dominiert; Sekundär 1–3 Tage, IgG dominiert, 10–100x stärker. Genau dieser Unterschied erklärt die Wirksamkeit von Impfungen.