Hannah Arendt (1906 – 1975) war jüdischer Herkunft und floh daher 1933 nach kurzer Gestapo-Haft nach Frankreich, wo sie 1940 im Süden des Landes in einem Konzentrationslager inhaftiert wurde. Sie emigrierte in die USA, wo viele ihrer Werke entstanden. Dort arbeitete sie auch als Professorin an verschiedenen Universitäten.
Hannah Arendt beschreibt in ihrem Buch der Vita activa (1958) den Menschen als ein tätiges Wesen. Dabei beschreibt der Begriff Vita activa die drei Grundfähigkeiten des Menschen, nämlich Arbeiten, Herstellen und Handeln. Sie sind die Grundbedingungen unseres Lebens.
Die Arbeit entspricht unserem Stoffwechsel, durch den uns unser Körper am Leben hält. Dafür braucht er aber Dinge, die der Natur entspringen (Nahrung), welche wir durch die Tätigkeit des Arbeitens besorgen. Beispiele für dies Tätigkeit sind unter anderem das Anbauen und Ernten von Nahrung und die Essenszubereitung.
Die Tätigkeit des Herstellens zeigt die Problematik des von der Natur abhängigen Menschen. Der Mensch muss sich seine „Welt“ selbst kreieren und erschafft Dinge, die nicht naturgegeben sind. Diese können dann „zeitlos“ sein und so den Herstellenden überdauern. Beispiele dafür wären Häuser, das Erschaffen von Werkzeugen und Geräten und die Bücherherstellung.
Das Handeln ist die einzige der Tätigkeiten, welche kein „Material“ benötigt, sondern einzig zwischen Menschen vollzogen wird. Die Bedingung für sie ist die sogenannte Pluralität, also die Tatsache, dass der Mensch nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen Menschen auf der Erde existiert. Beispiele für das Handeln sind politisches Wirken und gesellschaftliches Engagement.
Alle drei Tätigkeiten sorgen dafür, dass der Mensch in der Welt existierten kann. Das Arbeiten sichert sein körperliches Wohl, das Herstellen erschafft dem Menschen eine künstliche Welt, in der er leben kann und die fortdauert, und das Handeln schafft eine Gesellschaft und eine Verbindung zwischen Generationen, womit eine gemeinsame Geschichte entsteht.
Wie schon bei Aristoteles spielt auch bei Arendt das Sprechen eine zentrale Rolle im Menschsein. Wie oben bereits erwähnt, ist die Pluralität von besonderer Relevanz bei der Tätigkeit des Handelns, welche sich in Gleichheit und Verschiedenheit der Menschen untereinander äußert. Zum einen muss eine gewisse Gleichheit unter den Menschen vorherrschen, denn sonst wäre eine Verständigung untereinander nicht möglich. Ohne Unterschiede, gäbe es gar keinen Anlass, um miteinander zu sprechen oder zu handeln, da eine Verständigung nicht von Nöten wäre. Dies passiert nur dadurch, dass jeder Mensch ein Individuum ist.
Im Sprechen und Handeln ist der Mensch in der Lage, diese Einzigartigkeit zum Ausdruck zu bringen, denn durch diese selbst initiierten Tätigkeiten unterscheidet sich der Mensch aktiv von anderen. Kein Mensch kann sich dem Sprechen und Handeln entziehen, was nicht für die anderen Tätigkeiten der Vita activa gilt. Man kann andere für sich arbeiten lassen und man kann Dinge nutzen, die von anderen hergestellt wurden. Doch ein Leben ohne Sprechen und Handeln wäre laut Arendt (1958) kein menschliches Leben mehr, sondern nur „ein in die Länge eines Menschlebens gezogenes Sterben“ (aus „Vita activa oder Vom tätigen Leben“).
1961 berichtete Arendt für The New Yorker vom Eichmann-Prozess in Jerusalem. Aus diesen Berichten entstand ihr berühmtestes und umstrittenstes Buch: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (1963). Statt eines monströsen Antisemiten sah Arendt in Adolf Eichmann einen Schreibtischtäter, einen mittelmäßigen Beamten, der seine Pflicht erfüllte und nicht dachte. Ihr Schlüsselsatz: „Es war reine Gedankenlosigkeit – etwas keineswegs Identisches mit Dummheit – was ihn zu einem der größten Verbrecher jener Zeit werden ließ.“
Diese These der Banalität des Bösen war ein Skandal: Konnte das Böse wirklich so gewöhnlich sein? Arendts Antwort: Ja, gerade weil totalitäre Systeme das Denken und Urteilen abschalten, können normale Menschen monströse Verbrechen begehen. Das Gegenmittel ist das selbständige, urteilende Denken – ein zentraler Auftrag der politischen Philosophie.
In Über die Revolution (1963) und Macht und Gewalt (1970) unterscheidet Arendt streng zwischen Macht und Gewalt. Macht entsteht, wenn Menschen gemeinsam handeln und sprechen – sie ist kollektiv, kommunikativ und legitim. Gewalt dagegen ist instrumentell und einsam: Sie zerstört Macht, ersetzt sie aber nicht. Arendts Definition: „Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln.“ Politische Freiheit verwirklicht sich nur im öffentlichen Raum – nicht in privater Innerlichkeit.
In ihrem ersten Hauptwerk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951) analysiert Arendt Nationalsozialismus und Stalinismus als neuartige Herrschaftsform. Totale Herrschaft zerstöre die Pluralität der Menschen, mache sie austauschbar und entfremde sie von der gemeinsamen Welt. Konzentrationslager sind für Arendt das „Laboratorium“, in dem die Verwandlung des Menschen in ein triebgesteuertes Bündel erprobt werde. Damit liefert sie eine bis heute zentrale Begrifflichkeit der politischen Philosophie.
Zusammenfassung:
• Hannah Arendt (1906–1975), jüdisch-deutsche Philosophin, Exil USA
• Vita activa (1958): Arbeiten, Herstellen, Handeln – Pluralität
• Eichmann in Jerusalem (1963): Banalität des Bösen
• Macht und Gewalt (1970): Macht = gemeinsames Handeln, Gewalt = instrumentell
• Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951): Totalitarismus zerstört Pluralität
Abitur-Tipp: Arendt eignet sich perfekt als Brücke zwischen Anthropologie und politischer Ethik. Lerne die drei Tatigkeiten der Vita activa wörtlich und verbinde sie mit dem Pluralitätsbegriff. Die Banalität-des-Bösen-These ist ein Klausurklassiker bei NS-Texten und im Vergleich mit Kants Pflichtethik (Eichmanns „Ich habe nur meine Pflicht getan“).