John Stuart Mill (1806-1876) war ein britischer Philosoph, der von seinem Vater John S. Mill nach den Grundsätzen seines Freundes Jeremy Bentham erzogen wurde. Mill stimmt Bentham in dem Punkt zu, in dem er sagt, dass Handlungen dann moralisch richtig sind, wenn sie Glück (Lust) fördern und Unglück (Unlust bzw. Leid) vermeiden.
Er nimmt jedoch die Kritik am Hedonismus Benthams auf und sagt, dass es unterschiedlich wertvolle Arten der Freude gibt. Der Mensch sei nicht nur darauf aus, wie die Tiere seine Triebe zu befriedigen, sondern ist zu höheren Freuden fähig. Mill ist der Ansicht, dass es Freuden gibt, die qualitativ wertvoller sind als andere. So ist für Mill das Lesen eines philosphischen Buchs oder der Besuch eines Theaters mehr wert als die Freude, die man bei einem einfachen Kartenspiel empfindet. Oder der Städteurlaub in Wien mit dem Besuch von Theatern, Museen und geschichtlichen Stätten qualitativ wertvoller als ein Ballermann-Urlaub. Generell spielt der Begriff der Bildung bei Mill eine sehr große Rolle. Es kommt also nicht nur auf die Quantität, sondern vor allem auch auf die Art der Freude an. Die wertvollsten Freuden sind laut Mill die „des Verstandes, der Empfindung und Vorstellungskraft sowie des sittlichen Gefühls“. Damit bezieht er sich auf den Begriff der Bildung sowie des moralischen Handelns. Somit zieht Mill ganz klar die Freuden des Geistes den körperlichen Freuden vor.
Doch woher können wir wissen, welche Freuden zu bevorzugen sind? Woher soll ich wissen, ob ich lieber für die Schule lernen sollte oder zu Hause auf dem Sofa entspannen sollte? Mill ist der Ansicht, dass diejenige Freude zu bevorzugen ist, die von denjenigen, die schon beide Arten der Freude erfahren haben, bevorzugt wird. Dabei geht es Mill insbesondere um die Erfahrung und Meinungen einer Bildungselite, wobei er hier ganz im Sinne des Utilitarismus nach der Mehrheitsentscheidung geht. Mill ist der Überzeugung, dass wir so immer die höhergestellten Freuden des Geistes wählen würden, da sich kein Mensch freiwillig auf die gleiche Stufe wie ein Tier begeben würde und lieber auch etwas Leid in Kauf nehmen würde, wenn dadurch eine qualitativ höhere Freude erfahren werden kann.
Wer also der Meinung ist, dass nur auf dem Sofa sitzen und Serien schauen ihm Glück bereitet, vermischt laut Mill die Begriffe des Glücks und der Zufriedenheit. Ein Zitat von ihmlautet daher auch „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein, als ein zufrieden gestelltes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr“. Hier erkennt man wieder ganz klar Mills Fokus auf den Stellenwert der Bildung, der er gegenüber den von ihm betitelten „niederen Freuden“ den Vorzug gibt. Triebbefriedigung allein macht laut Mill kein gutes Leben aus.
Bei der Entscheidung, welches Glück zu bevorzugen ist, betont Mill ebenso, dass die Entscheidung neutral und unparteiisch sein sollte und der Einzelne nicht auf sich, sondern auf das Glück all derjenigen, die betroffen sind, schauen sollte. Dabei sind aber nach Mill nicht nur die direkt Betroffenen gemeint, sondern die gesamte Menschheit. Dass dies sehr schwierig ist, ist wohl nachvollziehbar. Für uns selbst zu beurteilen, welches Glück wir bevorzugen, ist noch recht einfach, wenn wir dies aber auf eine ganze Gruppe oder gar Menschheit anwenden sollen, wird dies sehr schwer oder fast schon unmöglich. Wie kann man neutral beurteilen, welches Glück für die gesamte Menschheit oder eine Personengruppe zu bevorzugen ist? Mill nimmt noch eine weitere Problematik Benthams auf, indem er sagt, dass es praktisch nicht möglich ist, alle Handlungen individuell zu beurteilen. Stattdessen ist er der Ansicht, dass eine Art Regelkatalog auf Grundlage des Utilitarismus aufgestellt werden sollte, an dem man sich dann in seinen Entscheidungen orientieren kann.
Dies bedeutet, dass nach Mill eine intellektuelle Elite aufgrund ihrer Erfahrungen festlegt, welche Handlungen qualitativ hochwertiger sind, und dies in einem Regelkatalog festhält, um so allen Menschen, die nach diesen Regeln leben, ein gutes und glückliches Leben zu gewährleisten.
Hier sieht man nochmal ganz deutlich die Unterschiede zu Bentham. Während es ihm um das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl geht, macht Mill qualitative Unterschiede zwischen verschiedenen Arten von Glück. Bei Bentham geht es um die individuelle Beurteilung, bei Mill stellt eine intellektuelle Elite einen Regelkatalog zusammen und bei Bentham muss jede Handlung individuell beurteilt werden, während bei Mill ein Regelkatalog existiert.
Jetzt, da du Mills Utilitarismus kennst, überlege dir einmal, für welche Option Mill beim Wandertag wäre.
Der berühmteste Satz aus Mills Utilitarianism (1861) lautet im Original: „It is better to be a human being dissatisfied than a pig satisfied; better to be Socrates dissatisfied than a fool satisfied.“ Mill begründet damit, warum die geistigen (höheren) Freuden den körperlichen (niederen) qualitativ überlegen sind. Wer beide Arten erlebt hat – so seine empirische Behauptung – wählt ausnahmslos die geistige. Diese Position macht Mill zu einem qualitativen Hedonisten, während Bentham im Principles of Morals and Legislation (1789) noch geschrieben hatte: „Pushpin is as good as poetry“ (das Stiftchenspiel ist so gut wie die Dichtung).
In Kapitel 4 von Utilitarianism versucht Mill den berühmten Beweis des Nützlichkeitsprinzips: „Der einzige Beweis, dass etwas sichtbar ist, ist, dass man es sieht. Der einzige Beweis, dass etwas erstrebenswert ist, ist, dass die Menschen es tatsächlich erstreben.“ Da jeder Mensch sein eigenes Glück erstrebt, sei das Gesamtglück der Gesellschaft das Ziel aller. G. E. Moore hat in Principia Ethica (1903) diesen Schluss als naturalistischen Fehlschluss kritisiert: Aus dem deskriptiven „wird erstrebt“ folgt nicht das normative „ist erstrebenswert“.
Mill löst ein zentrales Praxisproblem Benthams: Es ist unmöglich, vor jeder Handlung alle Konsequenzen für alle Betroffenen durchzurechnen. Mill schlägt vor, sich an bewährten moralischen Regeln zu orientieren, die langfristig das größte Glück garantieren (z.B. „du sollst nicht lügen“, „halte Versprechen“). Diese Position nennt man Regelutilitarismus – im Gegensatz zum Handlungsutilitarismus Benthams. Erst in Konfliktfällen, wo zwei Regeln kollidieren, muss neu abgewägt werden.
In On Liberty (1859) formuliert Mill das berühmte Schadensprinzip (harm principle): „Der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gemeinschaft rechtmäßig ausüben darf, ist der, die Schädigung anderer zu verhüten.“ Dieses Prinzip ist die utilitaristische Begründung des Liberalismus – und steht hinter modernen Debatten über Drogenkonsum, Meinungsfreiheit oder Selbstgefährdung. Mill war zudem ein früher Verfechter der Frauenrechte (The Subjection of Women, 1869).
1. Aristokratisches Vorurteil: Wer entscheidet, welche Freuden „höher“ sind? Mills Berufung auf die „Bildungselite“ wirkt elitär und kulturchauvinistisch.
2. Inkonsistenz mit dem Hedonismus: Wenn nur das Mehr-an-Lust zählt, darf es keine qualitativen Unterschiede geben. F. H. Bradley warf Mill vor, hier den reinen Utilitarismus zu verlassen.
3. Naturalistischer Fehlschluss (G. E. Moore 1903): Aus dem Faktum des Erstrebens folgt kein normatives Sollen.
4. Verrechnungsproblem: Auch im Regelutilitarismus können Minderheitenrechte zugunsten der Mehrheit geopfert werden – ein Einwand, den später Rawls und Nozick scharf vorbringen.
Zusammenfassung:
• John Stuart Mill (1806–1873), Utilitarianism (1861)
• Qualitativer Hedonismus: höhere vs. niedere Freuden
• „Besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedenes Schwein“
• Regelutilitarismus statt Handlungsutilitarismus
• On Liberty (1859): Schadensprinzip als Liberalismus-Fundament
• Kritik: Moore (naturalistischer Fehlschluss), Bradley, Rawls
Abitur-Tipp: Lerne das Sokrates-Schwein-Zitat wörtlich – es ist der häufigste Klausur-Einstieg zu Mill. Bereite einen Vergleich Bentham/Mill als Tabelle vor (quantitativ vs. qualitativ, Handlungs- vs. Regelutilitarismus). Für Texterschließungen: Mills Schadensprinzip aus On Liberty ist auch in Q3 (Recht und Gerechtigkeit) hochrelevant.