Stell dir vor, die Erde würde von Aliens überfallen werden. Sie sind hemmungslose Kreaturen, die uns Menschen ausnutzen und für medizinische Versuche missbrauchen. Einige sind auch sehr lieb und sorgen für uns, als seien wir ihre Haustiere. Doch dies trifft nicht auf alle zu. Die meisten verstehen uns als Nahrung, sie mögen besonders gerne Kinderfleisch. Sie sperren uns ein und mästen uns, um uns im Anschluss zu schlachten, den Frauen pumpen sie die Milch ab. Eine grauenvolle Vorstellung, nicht wahr? Aber machen wir nicht genau dasselbe mit Tieren? (vgl. Filosofix (SRF): Das Gedankenexperiment «Menschenfleisch» von Richard David Precht)
Dieses und ähnliche Gedankenexperimente führen uns vor Augen, wie unterschiedlich wir den Wert verschiedener Lebewesen und deren Lebenserwartung wahrnehmen.
Für den größten Teil der Menschen gilt eine Unterscheidung in Menschen und Tiere, wenn es um die Berücksichtigung von Interessen bei ethischen Entscheidungen geht. Wirst du zum Beispiel von dem Hund deines Nachbarn angegriffen, werden du und die meisten anderen Menschen sich höchstwahrscheinlich zuerst um sich und ihre Unversehrtheit kümmern, da dein Interesse an Gesundheit und Unversehrtheit von größerem Wert ist als die des Hundes. In den meisten Situationen und bei vielen Entscheidungen sind diese Sichtweise und das Bedürfnis, zunächst auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen, auch richtig und wichtig. Jedoch besteht seit einiger Zeit die Tierrechtsdebatte darüber, ob und welche Rechte Tieren zukommen müssen bzw. sollten und ob auf die Interessen bestimmter Tiere beim Treffen von Entscheidungen Rücksicht genommen werden sollte und in welchem Ausmaß.
Die Philosophen Philipp Balzer, Klaus Peter Rippe und Peter Schaber hatten sich in diesem Kontext einmal Gedanken darüber gemacht, inwiefern der Mensch eigentlich ein besonderes Tier darstellt. Dass der Mensch ein Säugetier ist, ist uns allen bewusst – doch was unterscheidet ihn so sehr von anderen Tieren und Lebewesen? Die Ansicht der drei Philosophen ist, dass wir ein Würdekonzept auf Lebewesen (Geschöpfe) anwenden sollten, um einen Wert zuschreiben zu können.
Diese Konzeption gliedert sich in drei Bereiche:
Entscheidend ist jedoch, dass sich ein Wert über festzulegende Kriterien herleiten muss, wie beispielsweise Fähigkeiten und Komplexität des Organismus.
Diese Konzeption ist durch eine anthropozentrische Sichtweise gekennzeichnet (siehe auch die Kapitel zu Menschenrechten). Wir Menschen legen Wertzuschreibungen, Interessensnachweise und Bedürfnisäußerungen durch äußere Interpretation fest. Doch diese Sichtweise ist nicht die einzige in dieser umfangreichen Debatte, wenn es um die Unterscheidung von Mensch und Tier geht.
Die Tierethik kennt vier idealtypische Positionen, die sich nach dem Kreis der moralisch berücksichtigten Wesen unterscheiden:
• Anthropozentrismus: Nur der Mensch zählt moralisch (Aristoteles, Politik; Kant, Metaphysik der Sitten 1797). Tiere sind „Sachen“ oder Mittel zum Zweck.
• Pathozentrismus: Alles Leidensfähige zählt (Bentham 1789; Peter Singer, Animal Liberation 1975). Kriterium ist die Sentienz.
• Biozentrismus: Alles Lebendige hat Eigenwert (Albert Schweitzer, Kultur und Ethik 1923, mit dem Prinzip „Ehrfurcht vor dem Leben“; Paul Taylor, Respect for Nature 1986).
• Holismus / Ökozentrismus: Auch Ökosysteme und Arten haben moralischen Wert (Aldo Leopold, A Sand County Almanac 1949 mit der land ethic; Arne Næss, Tiefenökologie).
Für Immanuel Kant sind Tiere keine Personen und damit keine direkten Adressaten moralischer Pflichten. In der Metaphysik der Sitten (1797) schreibt er jedoch: „Eine gewaltsame und zugleich grausame Behandlung der Tiere ist der Pflicht des Menschen gegen sich selbst weit inniglicher entgegengesetzt ...“. Tierquälerei ist verwerflich, weil sie das Mitgefühl im Menschen abstumpft und so seine Pflichten gegen Mitmenschen untergräbt. Kant begründet damit eine indirekte Pflicht gegenüber Tieren – ein bis heute einflussreicher Mittelweg.
Peter Singer (geb. 1946) macht in Animal Liberation (1975) Benthams Frage „Can they suffer?“ zum Ausgangspunkt einer utilitaristischen Tierethik. Sein Schlüsselbegriff: Speziesismus – die ungerechtfertigte Bevorzugung der eigenen Art, analog zu Rassismus. Singer fordert das Prinzip der gleichen Interessenabwägung: gleiche Interessen verdienen gleiche Berücksichtigung, unabhängig von der Spezies.
Der amerikanische Philosoph Tom Regan (1938–2017) vertritt in The Case for Animal Rights (1983) eine deontologische Position. Tiere höherer Ordnung sind Subjekte eines Lebens (subjects of a life) und haben damit einen inhärenten Wert, der nicht gegen Nützlichkeit aufgerechnet werden darf. Regan kritisiert Singer, weil dessen Utilitarismus auch das glückliche Tier opfern dürfe. Für Regan haben Tiere echte Rechte, nicht bloß Interessen.
2002 wurde der Tierschutz als Staatsziel in Art. 20a GG aufgenommen. Die EU verbietet Käfighaltung von Legehennen. In Deutschland werden jährlich rund 750 Millionen Tiere geschlachtet, weltweit über 70 Milliarden Landtiere. Aktuelle Debatten betreffen Massentierhaltung, Tierversuche, Walfang, Zoohaltung und das „Great Ape Project“ (Singer, Cavalieri 1993), das Grundrechte für Menschenaffen fordert. Der Glasgow Declaration (2021) hat Tierwohl erstmals in die UN-Klimaagenda eingebracht.
Zusammenfassung:
• Vier Positionen: Anthropo-, Patho-, Bio-, Ökozentrismus
• Kant (1797): indirekte Pflicht – Tierquälerei stumpft den Menschen ab
• Singer (1975): Speziesismus, Prinzip der gleichen Interessenabwägung
• Regan (1983): Tierrechte aus inhärentem Wert
• Schweitzer: Ehrfurcht vor dem Leben
• Art. 20a GG: Tierschutz als Staatsziel
Abitur-Tipp: Tierethik wird in Q1.2 fast immer mit den vier Grundpositionen abgeprüft. Lerne für jede Position Vertreter, Werk, Jahr und ein Zitat. Im Vergleich Singer vs. Kant solltest du herausarbeiten: Singer = direkte Pflichten aus Leidensfähigkeit, Kant = indirekte Pflichten aus Selbstkultivierung. Bei Texten zur Massentierhaltung hilft Singers Speziesismus-Begriff fast immer.